Alleinerziehende machen alles falsch. Ein Rant.

Wir Eltern stehen unter Druck, wir machen uns selbst welchen, wir leiden unter den eigenen Ansprüchen und den Erwartungen der Umwelt. Das sagen uns Studien und das wissen alle, die Kinder haben.

Aber wisst Ihr was? Den meisten Druck haben Alleinerziehende. Denn nicht nur müssen die alles alleine abfangen, organisieren, erledigen, was rund um die Kinder zu tun ist – nein, sie werden auch besonders kritisch beäugt, von anderen Eltern, von den Lehrern, von Unbeteiligten.

Alleinerziehende machen alles falsch. Glaubt Ihr nicht? Doch. Das alles sind Dinge, die gesagt oder ungesagt im Raum stehen:

  • Alleinerziehende haben in der Ehe versagt, den Mann/die Frau nicht halten können
  • Oder: Alleinerziehende haben schuldhaft den eigenen Mann/die Frau verlassen
  • Sie missbrauchen ihre Kinder als Partnerersatz
  • Sie manipulieren ihr Kind gegen den Partner
  • Sie lassen ihre Kinder zu oft alleine
  • Sie helfen zu wenig bei den Hausaufgaben
  • Sie lassen ihre Kinder zu viel ferngucken und am Computer spielen
  • Sie bringen ihre Kinder krank in die Kita/Schule
  • Sie geben ihre Kinder zu früh und zu lange in Fremdbetreuung
  • Sie ernähren ihre Kinder nicht gesund
  • Sie fördern ihre Kinder zu wenig (Musik, Sport, Gedöns)
Du © XK - Fotolia
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Okay, wir Alleinerziehenden haben größtenteils zu wenig Geld, zu wenig Zeit (und schon gar nicht für uns selbst!), und wir sind stark Burn-Out gefährdet. Aber liebe Leute, seht doch endlich mal, was wir alles richtig machen! Wir haben uns das SO nicht ausgesucht.

Bei all dem Stress und der Verantwortung, die wir tragen, schlagen wir uns verdammt wacker. Und deswegen will ich nicht lesen, wie gestern in der „Die Welt“, dass Alleinerziehende als Risikofaktor gesehen werden, wenn Experten überlegen, ob einem Kind Gewalt angetan wird. Das glaube ich nicht. Ja, wir haben Stress. Aber unter all den Leuten, die ich kenne, und ich kenne viele, sind es gerade die Alleinerziehenden, die sehr bewusst und selbstkritisch mit dem Thema Gewalt umgehen – oft sind sie just aus diesem Grund alleinerziehend, weil es Gewalt in der Ehe gab, gegen Kinder und/oder Mutter. Und sie wissen genau, dass alle bei ihnen doppelt kritisch hinsehen, angefangen beim Kinderarzt bis hin zur Lehrerin.

Die „normalen Eltern“ hingegen, die unverdächtigen, die habe ich schon beim ohrfeigen, Ohren langziehen, Klapse auf den Po gegen ertappt. Manche erzählen sogar, dass sie ihre Kinder schlagen, wenn sie dies und jenes tun, und finden das gut und richtig. Denn dass das gewaltsame Züchtigen von Kindern in Deutschland verboten ist, wissen lange noch nicht alle, leider. Aber die Alleinerziehenden, die oft genug im Rahmen der Trennung Kontakt mit Anwälten, Jugendamt und Beratern hatten, die wissen das.

Damit will ich nicht sagen, dass Alleinerziehende die besseren Eltern seien, versteht mich nicht falsch. Aber sie verdienen Respekt. Und auch eine Berichterstattung, die Äußerungen hinterfragt, selbst wenn sie von Experten kommen. Denn a) können auch diese irren und b) gibt es fast immer eine abweichende Expertenmeinung. Und zumindest das könnte man relativierend erwähnen.

Konkret hat mich dieser Absatz in einem Artikel von gestern über Kindesmisshandlung in der „Die Welt“ sehr geärgert, in dem eine Expertin zu Wort kommt:

Wie stark vorbelastet sind die Eltern – also sind sie selbst in der Kindheit geschlagen worden, haben sie Probleme mit der Partnerbeziehung oder mit Krankheiten, Alkohol oder anderen Süchten? In welchem sozialen Umfeld leben sie – ist die Mutter etwa alleinerziehend, fehlt ein soziales Netz?*

Auch wenn hinterher noch erklärt wird, dass Gewalt gegen Kinder prinzipiell in allen sozialen Schichten vorkommt und auch ein prügelnder alleinerziehender Vater als Beispiel dient (um den Fokus von den alleinerziehenden Müttern zu nehmen?), so hat dieser Artikel doch für mich ein Geschmäckle.

Alleinerziehende als Risikofaktor für ihre Kinder. Nee, das ist nicht nett. Wir sind so unter Druck, das muss uns nicht auch noch zugeschrieben werden.

 

*Quelle: Artikel „Kindesmisshandlung – wenn du nicht spurst, dann weißt du, was passiert“, in der „Die Welt“ vom 10.03.2015

P.S: Das Social Media Team von „Die Welt“ antwortete mir auf einen Tweet und auch auf meiner FB-Seite, wo ich um Meinungen bat. Der fast einhellige Tenor war, dass ich Dinge aus dem Kontext reiße (Die Welt), falsch verstehe oder überinterpretiere. Nein. Finde ich nicht.

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18 Kommentare auf "Alleinerziehende machen alles falsch. Ein Rant."

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Dani
Gast
Liebe Christine, Dieser Artikel hat es uns beiden sehr angetan aber auf ganz unterschiedliche Weise. Ich verstehe dich demnach schon mal sehr gut, es ist nur ein kleiner Satz in dem Artikel und doch kritisiert er dich persönlich, da du Alleinerziehende bist. Ich sehe es wie Du, ich habe tiefsten Respekt vor Alleinerziehenden und vor deinen Kindern, denn auch Sie haben viel mehr Aufgaben zu bewältigen, da ihr Platz in der Familie, viel essentieller ist. Was Du leistet ist unglaublich und für mich unvorstellbar. Hier geht es auch nicht um bessere Mutter, schlechtere Eltern, den Vergleich kann man gar nicht… Read more »
Bea
Gast

Liebe Christine, wer heißt uns glauben, das 2 schlechte es besser machen als 1 gutes Elternteil.
So ein Murks – ich kenne mich da als ehemalige Fachfrau sehr gut aus.
Schlechter Umgang mit Kindern kann sich auch auf hoch 2 potenzieren.
Alle Anerkennung für euch Alleinerziehende, ihr habt es euch nicht ausgesucht – also Schluß jetzt mit dieser spießbürgerlichen Kritik an euch
basta
Bea

Suse
Gast

Liebe Christine,
ich kann nicht ansatzweise nachfühlen, wie es Dir als Alleinerziehende geht. Aber ich weiß, daß mir als Coerziehende auch oft die Kraft und der gute Rat ausgeht. So muß es als Alleinverantwortlicher doppelt schwer sein.

Warum kann die Gesellschaft nicht ihre Hilfe anbieten und die Hand reichen statt den Finger in die Wunde zu legen und Risiken zu berechnen?
Nachfragen, womit man Alleinerziehende unterstützen kann?
Du bist wohl mittlerweile die Gallionsfigur der Alleinerziehenden geworden. Die, die den Mund aufmacht und die Defizite aufzeigt. Klasse!

Norman Richter
Gast
Hallo liebe Christine, vorneweg: ich hab höchsten Respekt wie Du Dein Leben meisterst und bin großer Fan Deines Blogs. Ich kann Deine Kritik an dem Artikel nicht ganz nachvollziehen. Wenn jemand sagt, irgendetwas ist ein Risikofaktor, dann ist das erst mal kein Urteil, sondern nur das Ergebnis statistischer Korrelation. Ich als Mann und Vater habe z.B. eine statistisch viel höhere Wahrscheinlichkeit „häusliche Gewalt“ auszuüben, oder sexuell übergriffig zu sein – das sagt aber über mich als Individuum nichts aus. Es gibt viele Studien, wie z.B. diese hier aus Schweden (http://www.researchgate.net/profile/Mans_Rosen/publication/10923719_Mortality_severe_morbidity_and_injury_in_children_living_with_single_parents_in_Sweden_a_population-based_study/links/0fcfd5093c7f3af27e000000.pdf), die vermuten lassen das Kinder aus alleinerziehenden Familien in allen… Read more »
trackback
Warum du als Alleinerziehende trotz Angst nach Hilfe fragen solltest

[…] Durch die katastrophale und nicht anerkennende Berichterstattung der Alleinerziehenden in den Medien  und der Gesellschaft (Danke Herr Schäuble ) bedarf es viel Selbstvertrauen, sich diesen Bewertungen zu entziehen. Zu diesem Thema hat Christine Finke von “Mama arbeitet” einen sehr guten Artikel geschrieben. […]

rebekka sommer
Gast
Ich glaube, ein Teil des Problems sind Statistiken, wobei ich als Soziologin absolut nichts gegen Statistik habe. Eine Jugendamtsleiterin erklärte mir mal, dass unter den Familien, die Sozialpädagogische Familienhilfe bekämen, ein großer Anteil Alleinerziehender sei (deutlich größer als der Anteil der Alleinerziehenden in der Gesamtbevölkerung). Sicherlich erlaubt das nicht den kausalen Schluss, dass das Alleinerziehen an sich Erziehungsprobleme schafft. Vermutlich gibt es bei gefährdeten Familien andere Konstanten, die dafür sorgen, dass sowohl Erziehungsprobleme entstehen als auch häufiger Trennungen passieren. Trotzdem liegt für vielen Menschen – Jugendamtsleiter, Journalisten, Zeitungsleser – der kausale Schluss nahe, weil man ja sonst um die Ecke… Read more »
Susanne
Gast
Liebe Christine, ich verfolge Dein Blog schon eine ganze Weile und heute habe ich mich entschlossen, auch etwas zu dem Thema zu sagen. Ich bin seit 2005 alleinerziehende Mutter von drei Kindern. Die Zwillinge waren zum Zeitpunkt der Trennung 3; der Kleine gerade 2 Jahre alt. Ein Zwillingskind kam mit einer Behinderung auf die Welt. Mein Ex-Mann verließ mich ohne Vorwarnung, nachdem er mir nach 9 Jahren des Zusammenseins erstmalig (vor den Kindern) Gewalt angetan hatte. Ich musste unser Haus verkaufen und zog mit den Kindern in ein heruntergekommenes kleines Häuschen auf dem Land. Kaum umgezogen, verlangte mein Ex-Mann, dass… Read more »
mayarosa
Gast
Das tut mir leid. Eine sehr traurige Geschichte. Du schreibst: „Mein Ex-Mann hat sich nie wieder gemeldet. Letzten Monat hat er – ohne Vorwarnung- aufgehört, Unterhalt zu zahlen.“ Das brauchst du dir nicht bieten zu lassen. Das darfst du auch nicht. Dein Ex verhält sich außerhalb des legalen Rahmens. Er hat eine juristische Pflicht gegenüber seinen Kindern. Das Geld steht deinen Kindern zu, ganz egal ob sie ihren Vater sehen oder mögen. Du kannst das Jugendamt beauftragen, das Geld für dich einzutreiben. Das sind auch andere Stellen innerhalb der Behörde, als die, die Kinder aus Familien holen. Insofern brauchst du… Read more »
Susi
Gast

Liebe Christine, ich habe eher den Eindruck, dass das soziale Netz bei Alleinerziehenden enger ist als bei „Standardfamilien“ – eben weil sie es mehr benötigen und somit auch aktiver pflegen. Es ist dennoch ein durch entsprechende Brüll-Medien unterstützte Vorurteil. Gut, dass Du Dich wehrst, und zwar laut und öffentlich.
Küsschen, Susi (gobo you know)

Katja
Gast

Hallo Christine, Kontext hin oder her, Sprache lebt von Feinheiten und den Satz: „….ist die Mutter etwa alleinerziehend, fehlt ein soziales Netz?“ finde ich einfach schlecht. Unter gutem Journalismus stelle ich mir was anderes vor.
Freundliche Grüße, Katja

trackback

[…] (Mama arbeitet) schrieb dazu: Diese Frau spricht aus, was viele denken: Mütter sollten nicht arbeiten. […]

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