Alleinerziehenden-Klischee: Sie ist allein, weil sie versagt hat

„Alleinerziehende Mutter: „Eine Frau, die bei Auswahl des Vaters oder beim Konfliktmanagement dokumentiert versagt hat. Oder glaubt irgendjemand, dass alle alleinerziehenden Mütter von fiesen Männern sitzen gelassen wurden?““

So steht’s im Vorwurf-Sammel-Artikel von „Emil und der Ich“ auf dem Fisch und Fleisch Blog. Da sind noch viele andere dumme Klischees zu lesen, die extra zu diesem Zweck zusammengetragen wurden. Es geht um berufstätige oder nicht berufstätige Mütter, ums Stillen und um die ganze Palette dessen, was deutsche Frauen in den Augen der Gesellschaft so falsch machen.

Das Erschütternde ist, dass viele Leute wirklich aus tiefstem Herzen so denken. Mir hat genau das, was oben einleitend steht, jemand kürzlich erst ins Gesicht gesagt. Ich habe versagt, hätte den Mann als nicht geeignetes Ehematerial erkennen müssen, und niemals drei Kinder mit ihm bekommen dürfen. Schon gar nicht aber hätte ich ihn verlassen dürfen.

Lichterkette Herz
condesign pixabay.com

Das ist sowieso etwas, das in den Köpfen der meisten Leute gar nicht vorkommt, dass die Frau es ist, die sagt, mein Lieber, das geht so nicht, wir müssen getrennte Wege gehen. Sie tut es zum Schutz der Kinder, sie tut es aus Verzweiflung und sicher nicht aus einer Laune heraus. Aber es sind, zumindest in meinem Bekanntenkreis, ausschließlich die Frauen gewesen, die ihre Ehemänner verließen. Nicht eine, die ich kenne, wurde von einem fiesen Ehemann verlassen. Es war andersherum: sie verließen fiese Ehemänner. Betrügende, trinkende, lieblose, schlagende, spielsüchtige oder psychisch für ein Familienleben nicht mehr tragbare Ehemänner ohne jegliche Problemeinsicht.

Ich kenne, und das ist wirklich komplett gegen das Klischee, nicht eine einzige Alleinerziehende, deren Ehemann sie für eine Jüngere verließ. Ehemänner sind träge Masse, die bleiben lieber bei ihrer Frau, selbst wenn sie vielleicht nicht gelesen haben, dass verheiratete Männer im Schnitt 2 Jahre länger leben als unverheiratete. Während für Frauen die Ehe die Lebenszeit um ziemlich genau diese Dauer verkürzt.

Wieso, frage ich mich, soll eine Frau dafür verurteilt werden, dass sie sich und die Kinder in Sicherheit bringt? Weil das in der Vorstellungswelt der glücklich Verheirateten nicht vorkommen darf? Und dann muss man diese Frau, die ihr Bestes tut, damit die Kinder glücklich aufwachsen, auch noch mit unausgesprochenen Vorwürfen und Getuschel hinter ihrem Rücken strafen? Da ist es mir lieber, wenn die Leute offen auf mich zukommen und mir sagen, dass sie denken, ich hätte Mist gebaut. Dann kann ich wenigstens antworten. Und vielleicht das Bild der Alleinerziehenden ein bisschen gerade rücken.

Und überhaupt, Konfliktmanagement. Gut, bei der Auswahl des Partners war sehr wahrscheinlich Chemie im Spiel, da ist frau umnebelt und nicht ganz zurechnungsfähig, genauso wie der Mann. Aber das Konfliktmanagement, das kann ja wohl kaum das Ressort der Frau sein? Wie lange, überlege ich gerade, habe ich genau das getan, Konflikte aus dem Weg geräumt, für gute Stimmung gesorgt (oft genug unter Körpereinsatz, was mich heftig reut), den Hausfrieden gewahrt? Viel zu lange, viel zu oft. DAS war der Fehler. Aber wenn ich das und so deutlich denjenigen gegenüber äußere, die mich dafür angreifen, dass ich den falschen Mann ausgewählt hätte und obendrein die falschen Kinder bekommen, dann schweigen sie. Es muss doch irgendwie die Schuld der Frau sein.

Nicht ein Mal habe ich erlebt, dass ein getrennt lebender Vater vorwurfsvoll gefragt wurde, was denn schief gelaufen sei in der Ehe. Eher werden sie bedauert, diese Exemplare. Dass sie nun den Alltag ohne ihre Kinder erleben müssten, sie schrecklich vermissen, und auch so furchtbar viel zahlen. Als ob das ein Gesetz wäre. Niemand muss den Kontakt zu seinen Kindern verlieren nach der Trennung. Das Vermissen ist gegenseitig. Und zahlen müssen alle, besonders aber die Alleinerziehende, die weniger Zeit hat als andere, weniger Geld, und viel mehr Arbeit mit den Kindern und gleichzeitig fast keine Chance mehr auf dem Arbeitsmarkt.

Ihr solltet euch schämen, Ihr Leute mit dem Klischee im Kopf, wir hätten die falschen Kinder mit den falschen Männern bekommen und das sei alles unsere Schuld. Aber lieber beschämt Ihr uns. Und die Kinder gleich mit. Die Versager, das seid Ihr. Ihr versagt uns Solidarität und Anerkennung. Weil es so schön bequem ist, zu glauben, es sei alles die Schuld der Frau. Die habe schließlich die Familie zusammenzuhalten. Und genau DA ist der Denkfehler. Familie, das ist Aufgabe aller Angehörigen. Sogar, wenn sich die Familie auflöst oder neu strukturiert. Nein, gerade dann.

Alleinerziehend mit 3 Kindern, Buchautorin und Kolumnistin, seit 2014 auch Stadträtin in Konstanz. Bloggt hier seit 2011.
23 Comments
Oldest
Newest Most Voted
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
bea
bea
25. Juli 2015 19:10

Wow!
Das kam aus tiefstem Herzen und JEDES Wort ist wahr.
Beifall!
Hoffentlich lesen das all diese „Deppen“ – die Heile Welt kleinbürgerlich unrealistisch Schwätzer.
Nee, wegen einer jüngeren Frau verläßt ein Ehemann seine Familie nicht – dazu ist die träge Masse (meist) zu groß.
Es sind die kritischen Frauen, die die Untragbarkeit der Situation erkennen und ihre Schlüsse ziehen.
Die Situationen verantwortungsbewusst betrachten – und dafür werden sie quasi noch bestraft – beschimpft.
Schande!
Bea

Benjamin
Benjamin
25. Juli 2015 20:21

Es gibt immer zwei Seiten. Meine Erfahrung ist, dass, als ich meine Frau verließ, nachdem sie mich betrogen hatte, ich erstmal alles weiter laufen lassen wollte wie bisher. Das heißt, wie vorher auch wollte ich, dass sie gleich viel arbeitet wie ich, und ich die halbe Zeit für die Kinder zuständig bin. Wir praktizierten also das sogenannte Wechselmodell. Doch es fiel ihr schnell auf, dass sie ziemlich viel Zeit einsam war und die Kinder viel Zeit bei mir. Also wurde das ganze über das Argument „Kinder brauchen EIN zuhause“ ziemlich schnell untragbar gemacht, denn wenn ich jetzt eins gelernt habe,… Weiterlesen »

jongleurin
jongleurin
25. Juli 2015 20:35

Zum Glück habe ich noch nie! eine solche Meinung zu hören bekommen, nicht einmal von der Ex-Schwiegermutter in spe. Ich spüre so eine Haltung auch bisher nicht – wer weiß, vielleicht liegt das auch an einer sehr ausgeprägten Unsensibilität meinerseits :-) Wahrscheinlicher aber an der Filterblase, in der ich mich bewege und aus der ich kaum rauskomme. Leben in der Metropole, viele sehr eigenständige Frauen, viele moderne Familienentwürfe, viel Lebenserfahrung rund um mich herum. Sogar in der Kitagruppe der Krabbe bin ich nicht die einzige getrennte Mama. Eventuell ändern sich einfach die Zeiten, und es wird als normaler betrachtet, dass… Weiterlesen »

lilli
lilli
25. Juli 2015 21:06

Hey selbst Verteidigung ist in dem Fall ja alles. Ich habe noch keine Kinder und bin zufällig hier her geraten. Aber die Rolle der Liebenden Ehefrau und Mutter die AUCH noch arbeiten gehen möchte soll ja, der gesellschaft nach, sich lieber nach dem Französischen Frauenbild orientieren. Die Eheschließungen heutzutage stehen sowieso unter schlechten Bedingungen da sich die Partner vorrangig lieber selbst verwirklichen und immer einer der Meinung ist zu kurz zu kommen. Das kann man gerne versuchen. Dann kommen aber die Kinder meist zu kurz. Wenn man sich dann getrennt hat muss man den Partner zwar nicht mehr ertragen, aber… Weiterlesen »

Simone
Simone
25. Juli 2015 21:34

Puh! Da ist schon was Wahres dran. Auch ich habe meinen Mann verlassen. Für ihn bis dato unverständlich – aber meine Antworten und Erklärungen will er bis heute nicht hören. Vielmehr hat er sich ein neues Leben geschaffen, in dem er alles (!), was schief läuft, mit meinem Weggang begründet. Wenn ich ihn frage die Kinder zu nehmen weil ich ins Krankenhaus muss – vergiss es, ich bin nicht deine Nanny (zwar der Vater dieser Kinder, aber was solls). Originalzitat: „Das hättest du dir früher überlegen müssen.“ Sagt er – wie so oft – einen Termin mit den Kindern ab:… Weiterlesen »

karla
karla
26. Juli 2015 07:37

Fehlte der richtige Riecher. Nach dem richtigen Mann. Bei aller Liebestaumelei.
Wen und was man liebt. Genaues Hinschauen. Wer und was einem gut tut.
Gespür für Extreme, die tödlich sind. Bevor Kinder gezeugt werden.
Beschäme aber niemanden.
Jemand, der das Instabile anzieht. Vielleicht weil man selbst so stabil wirkt.
Der Stärkere entscheidet und führt und …..“hat Schuld“.
Stärker sind die Frauen.

mauerunkraut
mauerunkraut
26. Juli 2015 09:00

Es ist befremdlich, dass sich die Schuldfrage überhaupt stellt. Die wenigsten Alleinerziehenden haben sich diese Situation ausgesucht. Wenn Menschen heiraten und Familie gründen, haben sie ja vor bis zum Lebensende mit ihren Partnern zu leben – das ist der Plan. Aber das Leben lässt sich nicht planen und Menschen verändern sich. Aber ja, der Frau gibt man gerne den Schwarzen Peter, selbst wenn sie diejenige ist die verlassen wird (hat nicht versucht ihn zu halten, versagte aufgrund von Alterung oder war so eine schlimme Ehefrau, dass er ging). Es ist schlimm, dass man heutzutage wo Trennung und Scheidung mehr oder… Weiterlesen »

Susann
Susann
27. Juli 2015 13:26

Ich muss gestehen, dass ich mich das auch frage, wie man so an den falschen Mann geraten kann. Ich habe dich das ja auch bereits in der Kommentarfunktion gefragt. Bei mir steckt allerdings weniger der Vorwurf dahinter als vielmehr die Frage, wie man es ausschließen kann, an einen solchen Mann zu geraten. Ich hoffe nach wie vor, dass ich selbst eine gute Wahl getroffen habe, aber ob ich in 10 Jahren anders darüber denke, weiß ich nicht. Und wenn ich mir die Paare mit Kindern in meinem Bekanntenkreis anschaue, frage ich mich, ob man sie in – a) unglücklich, aber… Weiterlesen »

MrsCgn
MrsCgn
6. September 2015 16:16

Hallo Christine, ich gebe zu, dass ich eine derjenigen bin, die sich das fragen: Wie kamen die Paare zueinander, die dann auf einmal nicht mehr miteinander können? Wie Susann auch ist das keine vorwurfsvolle, sondern neugierige, interessierte Frage mit dem Hintergrund, wie man selbst für sich verhindern kann, sich damit auseinandersetzen zu müssen: Bleibe ich, oder gehe ich? Ich habe des kurz mit meinem Mann diskutiert, und wir sind da einer Meinung: Natürlich ist eine glückliche Beziehung „Arbeit“, vielleicht irritiert nur das Wort, was sicher nicht optimal das ausdrückt, was gemeint ist. Miteinander zu leben (und das ist mal unabhängig… Weiterlesen »

Simone
Simone
27. Juli 2015 20:24
Antwort  Susann

Menschen ändern sich. Und als ich mich verändert habe, wollte mein Mann das mir aller Gewalt verhindern. Ich bereue das nicht. Zum damaligen Zeitpunkt erschien mir alles goldrichtig und es wäre mehr als müßig, darüber nachzudenken oder mir die warum-Frage zu stellen. Die wenigsten Frauen bekommen vorsätzlich mit einem Idioten ein Kind. Im Rückblick und von weiter Ferne ist es natürlich einfach. So dass man denkt …. Ja klar … hätteste wissen müssen. Hab ich aber nicht. Weil ich es in meiner damaligen Situation nicht wissen und sehen konnte. Aber das Leben ist im Fluss … und zum Glück lernen… Weiterlesen »

gitte
gitte
1. August 2015 14:14

Ich habe leider vor der Ehe Dinge die mich störten gesehen und nicht sehen wollen. Aber ich habe geglaubt den Mann verändern zu können. Soviel Verantwortung muß ich übernehmen.

Susann
Susann
5. August 2015 20:13

Oh ja. Ich finde mich in jedem Buchstaben wieder. Ist es ein Fehler Kinder bekommen zu haben mit einem Mann, der nicht will oder kann? Ich weiß es nicht. Vielleicht sind Eltern sein und Paar sein einfach zwei völlig verschiedene Dinge, die nicht immer zusammen gehen. Und Glück ist nicht einfach da oder weg, sondern auch eine Einstellung und Beziehung ist auch manchmal Bemühen oder Arbeiten…. Vielleicht sind das aber auch wichtige Lektionen für Kinder. Es gibt kein allgemeingültiges Modell. Es kann dennoch Glück da sein oder wiederkommen. Und es ist vor allen Dingen kein Versagen für sein Glück zu… Weiterlesen »

Martin
Martin
9. Oktober 2015 13:36

Autsch – da hab ich mich wohl zu früh gefreut, als ich deinen Kommentar »13 Sätze« las. Auch wenn du dich darüber lustig machst – es gibt tausende Väter, die nach einer Trennung oft jahrelang um Kontakt zu ihren Kindern kämpfen müssen. Sie haben aber keinerlei Unterstützung. Ganz im Gegenteil. Gerichte und Behörden stellen Väter unter Generalverdacht und Müttern einen Persilschein aus. Mütter sind immer »Opfer« und Väter sind immer »Täter«, unabhängig von der Faktenlage. Und du bedienst mit deinen Aussagen ebenfalls dieses »dumme Klischee«. Väter vermissen ihre Kinder genau so schmerzlich, wie Mütter sie vermissen würden, wenn man ihnen… Weiterlesen »

Katrin
Katrin
9. Oktober 2015 16:32
Antwort  Martin

Also ich kann hier nirgends rauslesen dass Frauen die besseren Menschen sind. Hier wird von der Erfahrung berichtet, dass Müttern oft gesagt wird „Na warum hast du dir auch so einen als Vater gewählt. Da biste halt selbst schuld dran.“ Hast du das auch schon mal gehört? Sagen die Leute dir „Na Pech wenn du entsorgt wirst, hättest halt mal besser hingeschaut und eine andere zur Mutter deiner Kinder gemacht?“ Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, aber gehört habe ich das so rum noch nicht… deshalb würde mich das wirklich mehr interessieren als – entschuldige – „Gejammer über die Väter,… Weiterlesen »

Martin
Martin
9. Oktober 2015 20:49
Antwort  Katrin

Ja, auch ich habe mir das schon sagen lassen müssen: »selber Schuld, warum hast auch mit DER ein Kind …«. Und wie würdest du es finden, wenn dir jemand sagt: »Dein Gejammer über die alleinerziehenden Mütter, die ja alle so arm dran sind interessiert mich nicht«?

Katharina
Katharina
1. August 2016 19:58

Mich hat mein Mann für eine andere Frau verlassen. Für eine fiese Kuh, die ihren Mann hat sitzen lassen, aber schön abkassiert und die nicht nur das Leben ihrer zwei Kinder zerstört, sondern auch das meiner. Sorry, für mich sind Frauen, die einen Mann verlassen, der sie weder geschlagen noch betrogen hat, einfach nur böse, egoistische Personen. Ich habe zwei gekannt und beide hatten ihre Typen rausgeworfen, als sie mit einem anderen bereits das Bett teilten. Und ich kenne außer mir zwei andere Alleinerziehende, die dadurch alleinerziehend wurden, weil der Mann sie gegen eine andere ausgetauscht hat. Der Artikel deckt… Weiterlesen »

Sebastian
Sebastian
19. Februar 2017 17:43

Hallo!
Ich fand den Artikel interessant. Ich kenne die Geschichte aber genau andersherum.
Derzeit zeichnet sich ein „happy end“ ab, weil die Mutter mittlerweile die gemeinsame Tochter auch sehen möchte. Bis vor ca. einem Jahr war ihr „alles zu viel…“
Also mein Schwager hat seine Tochter 9 Jahre komplett allein aufgezogen, weil seine Freundin nicht so viel Lust dazu hatte.
Grüße!
Sebastian

Krissi
Krissi
22. Juni 2019 21:08

Danke für deine Worte :)