Alles eine Frage der Einstellung? (Text mit Paradoxie)

Ich kriege jedes Mal einen Hals, wenn ich das lese. „Du musst nur an deiner Einstellung arbeiten!“, „Leg‘ doch mal die Opfermentalität ab!“, oder „Du musst dich halt besser organisieren!“, in diversen Varianten, mit und ohne das Verb „müsssen“. Oder in der Verkleidung als Ich-Botschaft, als „Mir geht es besser, seitdem ich meine Einstellung geändert habe….“, den Rest könnt Ihr selbst durchdeklinieren.

Denn die Botschaft ist dieselbe, selbst wenn gewaltfreie Kommunikation gewählt wird: Du machst etwas richtig, und ich, Christine, mache etwas grundlegend falsch. Bei mir, um das mal gewaltfrei zu sagen, kommt das als ziemlich selbstgerecht und wenig empathisch rüber. Vielleicht meinst du es sogar gut, auf alle Fälle aber bleibt bei mir hängen, dass ich mich doof anstelle. Es liegt ja nur an meiner Einstellung, ich Opfer.

Einstellung ändern
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Was kann ich ändern? Und was nicht?

Weißt du was? Ich denke fucking positiv. Das hat mir meine Therapeutin in mühevollen Einzelsitzungen beigebracht, ich hab’s verinnerlicht, und es macht mein Leben tatsächlich einfacher und vor allem schöner. Aber das ging nur, weil ich nämlich gelernt habe, zu akzeptieren, dass es Dinge gibt, die ich nicht ändern kann. „Dann ist das halt jetzt so“, war der Zaubersatz, den meine Psychologin mir in all den Sitzungen immer wieder ganz sanft sagte, wenn ich kurz vor dem Verzweifeln war ob der äußeren Umstände.

Es gibt Dinge, die Scheiße sind. Und sogar ich, die ich mich immer als starke Frau sah, kann ein Opfer werden und in gesellschaftlichen Strukturen festhängen, die beklagenswert und ungerecht sind. Ich darf jammern (etwas, was ich früher nie getan hätte), und ich darf feststellen, dass ich es gerade nicht schaffe, z.B. Sport zu machen, oder meine Wochenenenden als Alleinerziehende mit den Kindern zu genießen, und ich darf auch darüber schimpfen, dass schon wieder ein Kind krank ist. Auch wenn das Kind nichts dafür kann.

Und nein, mehr Gemüse auf den Tisch zu bringen, die Kinder sehr viel in den Wald zu schicken, und auch mal den Vater in die Pflicht zu nehmen, hätte in diesem Fall rein gar nichts geändert. Denn mit dem kranken Kind zuhause sitze ich. Weder kann ich den Vater der Kinder ändern, noch die Tatsache, dass sie Gemüse, bis auf wenige Ausnahmen, verabscheuen, und da ich als Kind genauso ein Stubenhocker war, wie meine Kinder es sind, muss ich mich auch nicht wundern, dass sie sind, wie sie sind.

Klar kann ich das alles ändern. Ich könnte für einen Marathon trainieren, die Kinder dazu zwingen, Sachen zu essen, die sie nicht mögen, und dann wäre ich total positiv. Nicht.

Das Schlüsselwort ist Akzeptanz – auch eine Einstellung

Ich möchte wirklich keine Beiträge und FB-Kommentare mehr lesen, in denen – und zwar nicht aus Menschenliebe, sondern aus Begeisterung über die eigene Großartigkeit – jemand aufgeschrieben hat, wie supidupi jetzt alles läuft, seitdem er/sie seine Einstellung geändert hat. Das zeugt in meinen Augen einfach nur von Selbstüberschätzung.

Es gibt Umstände, die kann man nicht ändern, sondern nur akzeptieren. Und erst, wenn man das getan hat, kann man überlegen, ob man an den Umständen ein klitzekleines bisschen drehen kann, eher im Sinne eines „Work-Arounds“ denn im Sinne einer Lösung. Was ich aber nicht ändern werde, ist meine Einstellung zu dem Umständen. Da bin ich stur, und das meine ich sowohl politisch als auch privat.

Meine Einstellung ist nämlich: Ich bin grundlegend in Ordnung, wie ich bin. Und meine Kinder auch. Was nicht in Ordnung ist, versuche ich, zu ändern, und ja, das gilt auch für mich und meine Verhaltensweisen. Ich hinterfrage meine Einstellung, sie ändert sich auch durch neue Lebenserfahrungen und den Austausch mit anderen. Aber nichts, wirklich gar nichts ändert sich, wenn „Alles eine Frage der Einstellung“ als Zauberformel für ein erfülltes Leben propagiert wird. Das nervt nur!

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Mara
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Mara

Klasse. Sehe ich ganz genau so.

Rona
Gast
Rona

Das mit der Einstellung erlebe ich auch als sehr belastend. Klar, in einem gewissen Rahmen kann ich was an meiner Einstellung tun und den Blickwinkel auf die Dinge verändern. Ich fühle mich da aber immer wieder sehr unter Druck, wenn ich dann nicht funktioniere und das mit dem Ändern der Einstellung nicht auf Knopfdruck geht. Viel besser komme ich zurecht, wenn ich – ähnlich wie Du – Akzeptanz übe oder mich auch mal ordentlich empöre (je nach meinem Kräftehaushalt). Ich empfinde dieses Funktionieren-Müssen als sehr unmenschlich. Auch dieses neokapitalistische „Du kannst alles werden und sein, wenn Du Dich nur mal… Weiterlesen »

Katarina
Gast
Katarina

Das schöne ist, das passt auch noch auf einiger andere Sachen. „Entspann dich mal dann wird das auch“. Ja bestimmt. Trotzdem darf ich das alles doch jetzt in diesem Moment doof finden?

Ich hasse es wenn andere einem die eigenen Gefühle absprechen. „Du musst dich nur mal besser organisieren“ ist ja auch nur ein verstecktes „stell dich nicht so an, du darfst das jetzt nicht doof finden das es nicht läuft. “

Grrr.

xo,
Katarina

ursula
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ursula

Dankeschön für den Seelenbalsam! Hat mir an einem tristen Tag geholfen. Denn manchmal ist es eben Scheiße, mit oder ohne Einstellung.
Alles Liebe, Ursula

Tigerbabe
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Tigerbabe

Bravo ! Am meisten hilft es, sich von selbstgerechten Ratgebern zu trennen. Wie oft musste ich mir anhören :“Weißt du Peter, du musst das, du musst jenes…“ Einen Dreck muss ich. Die Leute die mir die Gosse prophezeiten. liegen mittlerweile selbst drin. I am what I am und das ist gut so. Liebe Ihren Blog. Weiterhin alles Gute !

Katharina (Mama hat jetzt keine Zeit)
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Katharina (Mama hat jetzt keine Zeit)

„Du hast es ja so gewollt, jetzt jammer nicht rum“ finde ich auch noch eine schöne Variante…. Nicht. Klar kann eine an ihrer Einstellung arbeiten – dann verändern sich bestenfalls die Gefühle gegenüber den Fakten. Das kann manchmal hilfreich sein, nämlich immer dann wenn man dadurch aus einem Ohnmachtsgefühl herausfinden kann. Aber manchmal geht das nicht und dann hilft wirklich nur aushalten und warten, bis „es“ vorbei geht. Aber gerade politische und gesellsschaftliche Fakten verändern sich nicht, indem man nur an seiner privaten Einstellung arbeitet. Das tun sie nur, wenn man sie ausspricht, sich Gleichgesinnte sucht und dann die Ärmel… Weiterlesen »

goldammer
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goldammer

Danke für diesen Artikel! Und die Kommentare!

Ich glaube, die „Du musst nur positiv denken!“-Falle löst sich auf, wenn man sich klar macht, dass es eine grundlegend positive Einstellung ist, äußere Umstände ändern zu wollen. Das hat dann nichts mit Jammern zu tun, sondern mit laut werden, weil man eine Herausforderung wahr- und annimmt.
Wobei ich Jammern in einem ersten Schritt auch nicht verkehrt finde. Ich fände es sehr erschöpfend, wenn ich mein Leben nicht auch mal beklagen könnte, ohne es direkt ändern zu müssen.

Anja
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Anja

Exakt getroffen. Wie oft höre ich, was ich dich alles mal nebenbei machen könnte.Vornehmlich von Paaren oder Singles ohne Kinder… Mein Psychologe, den ich mir gesucht habe, als nichts mehr ging, meinte ernsthaft, ich bräuchte nur einen neuen Mann, dann wäre alles einfacher. Aber… Dafür müsse ich meine Einstellung ändern:-( Das JA meinte, ich müsse mich mehr strukturieren. Habe ich lange versucht und dann festgestellt, dass ich das nicht bin. Ich bin ein relativ langatmiger und leidensfähiger Mensch und versuche, jeden so sein zu lassen, wie er ist und die Meinung anderer zu akzeptieren. Aber trotzdem fühle ich mich oft… Weiterlesen »

Mutterseelesonnig
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Mutterseelesonnig

Sehr gut getroffen, und weil mich das so nervt, muss ich das an dieser Stelle auch nochmal hinschreiben: Sätze mit „muss“ und „nur“ ignoriere ich inzwischen. Warum? Ein paar Beispiele: „Du musst Deinem Ex nur süße Kinderfotos schicken, dann nimmt er sie öfter“ „Du musst Dir nur Ruhe-Inseln verschaffen, dann bist Du auch nicht immer so erschöpft“ „Du musst nur positiver denken, dann ist alles gleich viel leichter“ „Du musst Deinen Exmann nur stärker fordern“ „Du musst Dich nur öfter mal entspannen“ Ich kann Christine Finkes Groll sehr gut verstehen, denn: es liegt nicht daran, dass wir zu doof zum… Weiterlesen »

Supersansa
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Supersansa

„Du musst deinen Exmann stärker fordern.“

Gibt es echt Leute, die solche Ratschläge verteilen?

Ahahahahahahahahahahahhahahahahahaha.

Vielen Dank, ich hab sehr gelacht. Genau: wenn der keinen Bock hat, über Jahre nicht hatte, unabhängig von süßen Kinderfotos oder was auchimmer, tja, dann, „dann ist das halt jetzt so“.

Martin H.
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Martin H.

Mir geht es genau so. Was ich nicht ändern kann, umgehe ich und was ich ändern kann, ändere ich radikal!
Wenn der Ex keinen Bock auf die Kinder hat, ist das doch normal. Meist leisten die Mütter den Betreuungsunterhalt und die Väter den Barunterhalt. Damit hat sich die Sache.

Supersansa
Gast
Supersansa

Wenn der Ex keinen Bock auf sein Kind hat, ist das zum Spucken erbärmlich. Just saying. Ganz unabhängig davon, ob er sich zumindest aufraffen kann, Kohle rüberzuschieben. Das Wechselmoell funktioniert auch nur dann, wenn der Guteste denn will, und das scheint mir mit Verlaub häufig nicht der Fall zu sein. In meinem Fall raffte sich der gute Mann 2x pro Jahr auf, mit dem Kind ein Wocheende zu verbringen. Absprachen waren nicht möglich. Regelmäßige Besuche waren nicht möglich. Einspringen in Notfällen war nicht möglich. Dazu musste halt Bock haben als Mann, und den hatte er nicht. Pardon, natürlich hatte er… Weiterlesen »

Verena
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Verena

Naja,eine Einstellung verändert natürlich schon etwas,aber es ist wirklich so,dass manche Menschen so tun,als wäre dann wirklich ALLES super…Die alles,was „negativ“ ist,einfach ausblenden und in einen Selbstoptimierungswahn verfallen.
Es gibt auch Menschen,die so tun,als müsste man sich das,was man sich wünscht,nur kurz im Kopf vorstellen und schon hat man’s auch…Also entweder bin ich zu blöd dafür oder die labern einfach Scheiße :D
Ich finde,dass eine bestimmte Einstellung es nur ein bißchen leichter macht,so wie Du das eben auch beschreibst.

MomDeLux
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MomDeLux

Liebe Christine,

ich lese Deine Beiträge schon seit einiger Zeit still mit und bei diesem musste ich erstmal herzhaft lachen – zwei Seelen ein Gedanke!
Darüber hinaus ist es mir immer wieder eine grosse Entlastung zu sehen, dass eine offensichtlich intelligente, denkende und tatkräftige Frau unter sehr ähnlichen Umständen mit genau den gleichen Schwierigkeiten zu kämpfen hat und zu sehr ähnlichen Schlussfolgerungen kommt wie ich selbst.

Danke für Deinen Mut, Deine klare Sprache und Deine Aufklärungsarbeit was das Leben Alleinerziehender (Mütter) angeht.

Und speziell um heutigen Thema: Ich habe ein T-Shirt mit dem Aufdruck: „Carpe that fucking diem“

Liebe Grüsse

MomDeLux