Das hättest du dir vorher überlegen müssen! Ein müder Rant

„Du hast dir halt den falschen Mann ausgesucht!“, „Man muss ja als Frau auch nicht drei Kinder bekommen, wenn man arbeiten will!“, „Wer sich von seinem Mann trennt, hat selbst Schuld, wenn’s hinterher schwierig wird!“ Ich will gar nicht wissen, wie oft ich das schon gelesen habe unter den diversen Texten, die ich im Blog schrieb, oder unter Links zu Artikeln, die ich auf Facebook teile.

Mich macht das so müde. So viel Dummheit, ich kann es nicht anders sagen, also ob die Kommentatoren ihr Leben minutiös geplant hätten, unfehlbar seien, und klare kausale Zusammenhänge zwischen Planungen und Lebensglück nachweisbar seien.

Wahrheitskugel
FeeLoona auf Pixabay.com

Man mag es sich kaum vorstellen, aber ich habe mir tatsächlich etwas überlegt, bevor ich Kinder bekam, auch bevor ich heiratete. Vielleicht habe ich sogar zu viel überlegt, das ist der böse Verdacht, der mich beschleicht. Denn eigentlich hätte ich meine Kinder gerne mit einem fürs Kinderhaben gar nicht geeigneten Mann bekommen, den ich verließ, als mir klar wurde, dass wir über ein Bohème-Leben nie hinauskommen würden. Stattdessen wählte ich den vermeintlich soliden Handwerker mit netter Familie. Es hat mir nicht geholfen, bis auf die Tatsache, dass meine Kinder die allertollsten sind und ich zumindest dahingehend überhaupt nichts falsch gemacht habe.

Aber bei der Planung meiner Karriere, da muss ich doch etwas unbedacht vorgegangen sein, sonst wäre jetzt das Geld nicht so knapp, oder? Nein, liebe Leute, nein. Ich habe in der Regelstudienzeit studiert, ein Auslandsjahr mit Stipendium reingequetscht, auf einer Assistentenstelle promoviert und dabei Geld verdient, ich war pünktlich fertig, hatte gute Noten, alles tippitoppi. Ich habe beruflich umgesattelt auf den Journalismus, 3 Monate nach der Geburt des ersten Kindes wieder Vollzeit gearbeitet, dummerweise ging die Firma pleite, in der ich das tat, ebenso wie 2011 meinem letzten Arbeitgeber das Geld ausging nach vier Jahren, die ich dort arbeitete. Hätte ich das auch vorher wissen müssen!? Als ob heute noch irgendwelche Jobs sicher wären, nicht einmal bei großen Konzernen, vielleicht da noch viel weniger als anderswo!

Ich arbeitete frei als Sprachdozentin und Autorin und als mithelfende Familienangehörige in den Firmen das Mannes. Hätte ich wissen müssen, dass er nach der Trennung die Firmen als „seine“ begreift, und dass mein Arbeitseinsatz sich für mich negativ auswirken würde, weil nichts davon bleibt? Dass ich meine Rentenpunkte bei der Scheidung teilen muss, während der Ex-Mann nichts zu teilen hatte? Wer denkt denn an sowas, wenn er heiratet? Ich nicht. Und auch ein Ehevertrag hätte mir nichts genützt, denn zu Beginn der Ehe war überhaupt nicht absehbar, wie sich unser eheliches Konstrukt finanziell entwickeln würde. Ich dachte, wir würden an einem Strang ziehen, wir seien ein Team, notfalls auch über eine Trennung hinaus. So war es besprochen zwischen uns.

Und das mit dem Alleinerziehendsein – ich hätte also vorher wissen müssen, wie beschissen das ist? Ja, woher denn? Ich kannte überhaupt niemanden, der mir hätte erzählen können, was da auf mich zukommt. Ich hatte keinen blassen Schimmer, dass die sowieso schon schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Alleinerziehende fast nicht zu schaffen ist, und dass einen keiner mehr einstellt. Und selbst wenn mir das jemand vorher gesagt hätte, was wäre die Alternative gewesen – die Ehe aussitzen, bei Gefahr für Leib und Seele, und damit die Kinder mit in den Sumpf ziehen?

Ach, und wo wir gerade dabei sind, ich hätte mich natürlich auch nicht in einen verheirateten Mann vergucken müssen neulich. Nee, das war wirklich nicht nötig. Aber himmelherrgott, es ist halt passiert. Ihm wie mir. Und wo die Liebe hinfällt, das gehört nun wirklich zu den Dingen, die sich nicht planen lassen. Können wir uns darauf wenigstens einigen? Klar, man muss nicht allen Impulsen und Gelüsten nachgeben. Aber es hätte auch gutgehen können, auf andere Art, mit einem anderen Ende, mit mehr Offenheit. Hätte. Dass mir das so lange so wehtun würde, konnte ich auch nicht vorher wissen. Als ob man so etwas überlegen könnte. Vorher. So ein Quatsch. Und als ob Überlegen einen vor allem Unglück bewahren würde. Wenn ich eins sicher weiß, dann dass DAS nicht funktioniert. Im Gegenteil.

Es ist der größte Fehler von allen, in Herzensdingen rationale Entscheidungen treffen zu wollen. Ich habe das lange genug versucht. Lesson learned.

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Mama arbeitetMutter von Zweien mit Mann, der wenig da istKatjaSaranyaRuth Letzte Kommentartoren
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Astrid
Gast
Astrid

Lass dich von solchen lebensfremden Trollen nicht runter ziehen. Du hast dein Leben angelegt, wie es dir täglich eben zugespielt kam/wurde. Punkt. Hinterher zu lamentieren ist immer sehr einfach, insbesondere für Außenstehende, meistens Unbetroffene. Hättest du alles „richtig“ gemacht, wären es eben diese Nörgler, die dann spitze Bemerkungen in andere Richtungen tätigen würden. Solche Menschen haben nur diesen einen Lebensinhalt: Diffamieren, runtermachen, tuscheln und motzen.

Du bist gut so, wie du bist.

Claudia
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Claudia

Lass dich nicht ärgern. Nicht alle Menschen sind so doof.
Und Gott sei Dank gibt es Menschen wie dich, die trotz aller Krisen, der Anstrengung und der Mühsal darüber schreiben, in der Hoffnung das einigen Menschen ein Licht aufgeht. Danke dafür.

Und danke dafür das du deine Ehe nicht ausgesessen hast. Meine Mutter tat das. Ich bin dankbar für das du das deinen Kindern erspart hast.

Mau
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Mau

Auweia, der letzte Satz hört sich für mich so an, als ob Du damit die Entscheidung meinst, deinen Exmann als Vater deiner Kinder zu machen.Wenn dem so wäre dann wärst du ja doch ‚Schuld‘ an deiner Misere:-)
Und beruflich ist ja bekannt, dass es einige Studienfächer gibt, die die Taxifahrer von morgen studieren:-)
Just kidding!!!Nur du kennst die Wahrheit.Aber musst dich auch nicht wirklich vor irgendjemandem rechtfertigen.

Dani
Gast
Dani

„Leben ist das, was passiert, während Du eifrig dabei bist andere Pläne zu machen…“ (ich glaube, es war John Lennon)

Ich finde es großartig wie Du Dein Leben wuppst!

Die Nörgler können einem leid tun, besteht ihr Lebensinhalt doch daraus am Leben anderer rumzunörgeln. Das klingt weder nach einem zufriedenen noch nach einem ausgefüllten Leben. Du hingegen hast Deine Kinder, spürst Liebe, kannst Dich verlieben (auch wenn es dann vielleicht nicht klappt…), hast einen Job der Dich ausfüllt… Kurz, ein erfülltes Leben, allen Widrigkeiten zum Trotz,

XXX
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XXX

Hallo, ja, mit diesen blöden Aussagen muss man wohl leben, wenn man einen öffentlichen Blog betreibt. Ich denke mir immer, das erfordert viel Mut, öffentlich zu schreiben. Aber lass dich doch nicht von so etwas runterziehen, vielleicht bekommen genau solche Leute auch einen Schicksalsschlag in ihrem Leben, und sie müssen umdenken. Das nennt sich Karma. Ich finde es auch bewundernswert, wenn eine Frau 3 Kinder und mehr alleine großzieht und aus diesen Kindern liebenswerte Leutchen werden. Es geht auch anders. Familie mit einem Kind und das Kind wird nebenher großgezogen und bekommt nicht die Aufmerksamkeit die es brauchen würde. Was… Weiterlesen »

Katinka
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Katinka

Ehevertrag hätte eventuell doch was genützt, wenn sich die finanziellen Gegebenheiten in der Ehe ändern muss der Ehevertrag eh neu gemacht werden. Wurden wir beim schließen des Ehevertrags ausdrücklich drauf hingewiesen ^^ Aber ich kann verstehen das man an so etwas nicht denkt vor der Hochzeit bzw. solange die Ehe noch gut läuft. Fand das auch furchtbar unromantisch und werde immer wieder schief angeschaut wenn ich anmerke das wir einen Ehevertrag haben. Sinnvoll finden den immer nur die, die bei der Scheidung den kürzeren Gezogen haben oder eben gerade eh nicht an die Liebe für immer glaubt. Ansonsten gebe ich… Weiterlesen »

Schnuppismama
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Schnuppismama

Es ist wahrlich ein Phänomen, dass es so viele „Bescheidwisser“ gibt – oft die, die diese Situationen gar nicht kennen…
Ich kann nur erahnen, was da alles abgelaufen ist – warum sollte ich darüber urteilen? Und dann auch noch negativ. Nein!

Ruth
Gast
Ruth

Ich finde es wirklich anmaßend, dass viele Menschen glauben, aus ihrem Lebensglück ableiten zu können, dass sie es „verdient“ haben, und vor allem: dass andere, denen es schlechter geht, an ihrem Schicksal selber schuld sind. Was für eine unfassbare Fehleinschätzung. Ich habe meinen Mann mit 37 Jahren kennen gelernt. Ich war vorher viele Jahre Single, oft nicht glücklich darüber, hangelte mich von One night Stand zu Affaire und wieder zurück ins durchgeweinte Kopfkissen. Hatte ich das verdient? Hätte ich es immer vorher wissen müssen? Was für ein Bullshit. Lass Dich nicht fertig machen.

Saranya
Gast
Saranya

Ach ja – da ist es wieder „unser“ (als Gesellschaft gesehen) anerzogenes Schwarz-Weiß-Denken/Gut-Böse-Denken/Richtig-Falsch-Denken. Wir haben „uns“ daran gewöhnt, das Gute für gut und das Böse für böse zu halten, und „wir“ stellen dieses Denken oft nicht in Frage. Und um noch eines drauf zu setzen, sehen manche Menschen im Nachhinein in die Gegenwart und haben „es“ kommen sehen. Das sind dann die Hinterher-Hellseher ;-) Ich glaube gerade Menschen, die offen sind im Denken und Handeln, oft von denen „beurteilt“ werden, die nicht offen im Denken und im Handeln sind. Offen für Neues. Offen für sich selbst. Offen für „Fehler“. Offen… Weiterlesen »

Katja
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Katja

Tja, wie wahr, wie wahr. Mir ging und geht es ähnlich, erschreckend ähnlich sogar. Bis hin zum Sitz in der Gemeindevertretung, den ich jetzt aber aufgebe nach einer Legislaturperiode. Ich dachte auch, ich weiß wie mein Leben verläuft, dachte, ich habe alles richtig gemacht, und dann war ich auf einmal alleinerziehende Mutter von 2 kleinen Kindern. Und es ist schwierig, anstrengend und fühlt sich manchmal so unfair an. Aber am Ende finde ich persönlich, es zeigt einem auch, was man schaffen kann. Vorher, mit Mann und gemeinsamer Firma, war es nicht leicht, aber im Nachhinein gesehen war das noch ziemlich… Weiterlesen »

Mutter von Zweien mit Mann, der wenig da ist
Gast
Mutter von Zweien mit Mann, der wenig da ist

Hört sich zumindest so an, als hätten Sie beides gleich gut kennen gelernt: Kinder gemeinsam mit einem Mann aufzuziehen und alleine. Während sich offensichtlich an den Verdienstmöglichkeiten zwischenzeitlich einiges geändert hat, das aber nichts mit den Kindern zu tun hat. Garantien gibt es im Berufsleben keine, auch nicht für verheiratete Eltern. Sie sind super ausgebildet, diesbezüglich haben Sie für Ihre berufliche Zukunft vieles getan, um nicht am Hungertuch nagen zu müssen. Jedenfalls hatten Sie so geplant. Und wie ganz richtig gesagt wird: Planen kann man viel, aber das Leben schlägt manchmal Haken. Sich in einen verheirateten Mann zu verlieben…. tja,… Weiterlesen »