Epigenetik: Wissenschaftlerinnen sagen „Don’t blame the mother!“

Sachlicher Teil

Hört auf, die Mütter für gesundheitliche und psychische Schwierigkeiten der Kinder verantwortlich zu machen, schreiben Wissenschaftlerinnen in der neuen Ausgabe von „Nature“ vom 14. August 2014.

Gerade zur rechten Zeit, denn schon beginnen undifferenzierte Artikel unsere großen Medien zu fluten: Die „FAZ“ berichtet heute unter „Kind im Mutterleib: Geschenke fürs ganze Leben“ mit immerhin einem kurzen kritischen hinterfragendem Absatz, „Die Welt“ titelt „Wie Omas Essverhalten unsere Gene formt“ und betet einfach nur herunter, auf welch vielfältige Art die schwangere Frau ihrem Kind schaden kann. Kein Hinweis auf den ebenfalls wichtigen Einfluss des Vaters auf die Epigenetik, die nun als Forschungsthema in die alte Kerbe „Die Mutter hat an allem Schuld“ schlägt.

© akiradesigns - Fotolia.com
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There is a long history of society blaming mothers for the ill health of their children.

schreiben die Wissenschaftlerinnen, die warnen wollen. Es sei eine gefährliche Entwicklung, den Müttern die Schuld für alle möglichen Erkrankungen der Kinder zu geben. Natürlich sei es wichtig, sich gesund zu ernähren in der Schwangerschaft, aber dass z.B. auch die Ernährung des Vaters und sein Stresslevel Auswirkungen habe auf das Sperma und insofern eine Rolle bei der pränatalen Entwicklung spiele, dürfe man nicht außer Acht lassen.

We urge scientists, educators and reporters to anticipate how DOHaD work is likely to be interpreted in popular discussions. (DOHaD = developmental origins of health and disease)

Weil es so wichtig ist, hier der dringende Appell der Wissenschaftlerinnen an alle, die darüber berichten und diskutieren:

  1. Zieht keine unqualifizierten Schlussfolgerungen aus auf Menschen übertragenen Tierstudien
  2. Betont die Rolle beider Elternteile
  3. Berücksichtigt die Komplexität der Zusammenhänge
  4. Erkennt den Faktor Gesellschaft als auch epigenetisch prägenden Faktor an
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Subjektive Warte einer dreifachen Mutter

Danke, liebe Wissenschaftlerinnen! Meine Güte, was habe ich es satt, an allem Schuld zu sein. Und nun soll das schon vor der Geburt losgehen. Dass eine werdende Mutter gut auf sich achtet, ist wohl jedem, der nicht süchtig oder grenzenlos dumm ist, klar. Aber es ist schon interessant in eurem Appell zu lesen, wie wenig wissenschaftliche Substanz beispielsweise das komplette Verdammen von Alkohol in der Schwangerschaft hat. Und auch, dass Crack und Kokain nicht schädlicher fürs Baby sind als Tabak oder Alkohol, aber drogenabhängige Frauen, die schwanger sind, gesetzlich verfolgt werden. Nein, natürlich habe ich nie Crack oder Kokain konsumiert und das auch nicht vor. Aber dass alles von Diabetes bis Übergewicht bis hin zum problematischen Umgang mit Stress entscheidend im Mutterleib geprägt werden soll, das geht mir dann doch ein bisschen weit.

Es war dem JobCenter übrigens auch völlig wurscht, dass ich aufgrund des Stresses, den ich hatte, als man mir die Zahlungen in der zweiten Schwangerschaft komplett einstellte, fast eine Frühgeburt hatte. Selbst Schuld, dass ich im 6. Monat einen Job als Redakteurin in Vertretung angenommen hatte, in einer anderen Stadt obendrein. Da ist doch klar, dass ich kein Geld vom Amt mehr brauche, sagte man mir. Also wenn ich als Schwangere schon an allem Schuld habe, dann müsste ich doch im Gegenzug vom Staat und der Gesellschaft in den 9 Monaten auf Händen getragen werden, oder?

Aber selbst wenn das so wäre – es spielen immer noch Faktoren aus dem Erbgut des Vaters eine Rolle, und zwar auch epigenetisch. Dass bestimmte Gene mutieren, Sequenzen an- und abgeschaltet werden, geht doch auch später im Leben weiter, das ist keine neue wissenschaftliche Erkenntnis!

Und immerhin, der „Tagesspiegel“ berichtet unter „Mutter ist mal wieder an allem Schuld“ gut recherchiert und ausgewogen (hier ist auch die Epigenetik sehr gut erklärt. Ich erspare mir das). Mögen andere folgen. Und mögen sich die Frauen nicht als reiner Austragungskörper sehen. Ein schrecklicher Gedanke.

 

Quelle: Zeitschrift Nature vom 14. 08.2014

http://www.nature.com/news/society-don-t-blame-the-mothers-1.15693

Linktipp: „Mother Blaming“ is Bad Journalism, Shaky Science vom 18.08.2014 bei Autostraddle

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Katharina
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Katharina

Mir kommt bei solchen Themen immer „The handmaid’s tale“ (dt. Der Report der Magd) von Margaret Atwood in den Sinn – und dann stehen mir innerlich die Haare zu Berge.

June Wolf
Gast
June Wolf

Ich bin zufällig heute früh „auf“ Ihre Seite geraten. Glückwunsch zu diesem Artikel und Ihrem Mut! In der ZEIT gab es neulich mal wieder einen komplett unwissenschaftlichen Artikel zum Thema Alkohol und Schwangerschaft. Die Titelzeile suggerierte, vom „Schlückchen“ sei es nicht weit bis zum FAS-Kind. Ich verstehe ja die Hysterie von einigen Ärzten und Medien, da sich kein noch tolerierbarer Grenzwert in Stein meißeln lässt, aber mit Wissenschaft hat das nichts zu tun. Ich empfehle hierzu die Lektüre von Emily Oster „Expecting Better“ – auch sie macht wissenschaftliche Fehler und liegt sicher nicht mit allem richtig, aber sie legt den… Weiterlesen »

June Wolf
Gast
June Wolf

So sehr ich es selbst übrigens verdamme: Es hat sich inzwischen herausgestellt, dass die meisten Crack- und Kokainbabys sich gesund entwickelt haben. Ich denke, auch hier ist es eine Frage des Maßes. Ich kenne einige Mütter, die vor 20/30 Jahren ab und zu gekifft haben in der SS: Kein Schaden ist darauf zurückführbar, wenngleich ich selbst das Rauchen in der SS ablehne. Viele Aufnahmen von Babys, die Entzugserscheinungen zeigen, beruhen übrigens darauf, dass es sich um Frühchen handelt. Also: Nicht alles, ist das, wonach es aussieht.

Helga
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Helga

Ich hatte darüber auch gebloggt, denn einen Punkt machen die Wissenschaftlerinnen leider nicht so deutlich wie nötig: Epigenetische Veränderungen sind keine Mutationen, sondern reversibel. Dass sie prinzipiell jederzeit einfach rückgängig gemacht werden können, ist der ganze Punkt und der fundamentale Unterschied zwischen Epigenetik und Genetik. Wie und wann das tatsächlich funktioniert, wie sich das beschleunigen ließe – all das ist meines Wissens nach aber noch zu erforschen. http://hanhaiwen.wordpress.com/2014/08/14/liebe-schwangere-nicht-einschuchtern-lassen-durch-die-epigenetik/ Was der Tagesspiegel leider verdreht: Die Kritik richtete sich vor allem an Journalist_innen und deren Berichterstattung. Forscher_innen wurden auch erwähnt, alle Beispiele bezogen sich aber auf von Medien erdichtete Schlagzeilen. Schön illustriert… Weiterlesen »

Rosalie
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Rosalie

Fragt man einen Professor, der sich seit 15 Jahren mit Epigenetik beschäftigt, wie Epigenetik funktioniert, was darunter genau zu verstehen sei und wie das zu bewerten sei, was dazu publiziert wird, so wird die Antwort sein: Stille, dann sowas in der Art wie ‚Nunja, also…‘ und dann wird mit vielen Worten recht blumig beschrieben, dass die ganze Sache leider sehr komplex ist, man nicht wirklich versteht, wie das funktioniert, das Forschungsfeld ’sehr dynamisch‘ ist… Generell sind die Wissenschaftler auf diesem Gebiet sehr vorsichtig mit ihren Formulierungen. Ganz einfach, weil sie Momentaufnahmen einer bestimmten Gruppe und von denen nur bestimmte Zellen… Weiterlesen »

Frau Kreis
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Frau Kreis

Vor allem ziehen sich die Schuldzuweisungen durch das ganze weitere Leben. Die frühkindliche Betreuung, bedingt durch die karrieregeile Mutter, führt unweigerlich zu Verhaltensauffälligkeiten und Schulproblemen, das Außer-Haus-Essen zu Übergewicht und Herzkollaps, und wenn das Kind mit 40 zum Massenmörder wird, ist die zweite oder dritte Frage die nach der gestörten Mutter-Kind-Beziehung. Als habe das „Kind“ in seinem gesamten Leben niemand anderen als seine Mutter als sozio-emotionales Gegenüber gehabt. Aber es ist auch so bequem, die Schuld bei den Müttern abzuladen – und die sind ja auch willige Opfer, weil sie sowieso immer wegen allem ein schlechtes Gewissen haben … Es… Weiterlesen »

Berit
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Berit

Wo ist hier der Like Button? :) Sehr gut auf den Punkt gebracht!

Rona
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Rona

Liebe Christine,
ich bin heute über diesen Deinen Artikel hier gestolpert und wollte mal ganz schnell herzlichen Dank sagen! Ich habe es selbst sehr verinnerlicht, für all die Probleme meiner Kinder verantwortlich zu sein. Ein Psychologe sagte mal zu mir: „Sind Sie Gott?“ Das hat mich teilweise geheilt. :-)