Gedanken zu Blutwurst – und Taktlosigkeit

Niemand mag Blutwurst. Außer mir. Jedenfalls hier in der Familie, und in meinem gesamten Freundeskreis, und sogar im Internet auf twitter, wo sich die Sonderbaren tummeln, mag kaum jemand Blutwurst.

Alle mögen Schokolade (ich nicht), viele mögen Sushi (ich nicht), die meisten mögen Käsebrote, Lachshäppchen, Frikadellen, oder zumindest irgendwas davon. Salat und Brot geht eigentlich immer, und Wraps mit vegetarischem oder nicht vegetarischem Inhalt auch.

Wenn ich Leute einlade, dann überlege ich, was die mögen. Blutwurst habe ich noch nie aufgetischt, Schokolade hingegen schon oft auf den Tisch gestellt – obwohl sie selbst nicht so mag. (Außerdem isst dann endlich jemand die ganze Schokolade, die ich geschenkt bekomme! Sonst muss dafür meine Fraktion herhalten.)

Blutwurst

Es ist eigentlich relativ einfach: Wenn ich möchte, dass sich jemand bei mir willkommen fühlt, dann biete ich etwas an, von dem ich glaube oder weiß, dass es demjenigen gefällt, der bei mir zu Gast ist. Wenn ich nichts anbiete oder etwas, das mein Gast ekelhaft findet, bin ich entweder taktlos, oder fies, oder gerade pleite/gestresst.

Bei der Islamkonferenz, die gestern in Berlin stattfand, gab es Häppchen mit Blutwurst. Es war nicht das erste Mal, dass bei der Islamkonferenz die Gäste mit Blutwurst konfrontiert wurden. Ob es nun besser ist, dass es schon das zweite Mal ist, oder einfach doppelt dumm, darüber kann man streiten. Muslime, schreibt die Frankfurter Rundschau, dürfen neben Schweinefleisch auch das Blut von Tieren nicht essen. Muss ich ihnen dann unbedingt Blutwurst vor die Nase stellen!? Nein.

Für ein Bundesinnenministerium als Gastgeber finde ich das ziemlich peinlich. Oder fies. Als wir in der Stadt Konstanz kürzlich eine Gedenkveranstaltung anlässlich des 80. Jahrestags der Reichsprogromnacht hatten, gab es koscheres Essen für gläubige Juden, und noch eine besondere Art von Essen, dessen Namen ich vergessen habe. Ich finde, das ist das mindeste, das man tun kann, wenn man sich Gäste einlädt.

Wenn also unser Innenminister Muslimen Blutwurst reicht, dann ist das grob unhöflich, selbst wenn natürlich niemand zum Blutwurst-Essen gezwungen wird. Es ist einfach taktlos.

Ich biete auch niemandem Blutwurst an, der mich besucht. Schon gar nicht die Blutwurst mit Chili, die ich am liebsten esse. Für meine Freunde kaufe ich Hummus und vegetarische Wurst, wenn sie das bevorzugen. So gehört sich das. Und so erwarte ich das auch von meinem Innenminister. Der soll mich nämlich vertreten. Und nicht blamieren.

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Susanne
Gast
Susanne

Für manche Erklärungen eignet sich Twitter nur bedingt, daher komme ich dich noch einmal besuchen. Die Blutwurst auf dem Buffet hat mehrere Aspekte. 1. Wie du richtig anmerkst, es war bereits das zweite Mal – beim ersten waren es, wenn ich recht erinnere, Schinkensandwiches. 2. Halal heißt nicht nur ohne Schwein – ein Fehler, der sich in D durch fast alle Bereiche zieht, trotz der vielen Zeit, die Muslime bereits dort leben und immer wieder erklären. Sprich: wenn ich in D im Krankenhaus war oder mit Lufthansa fliege, bestellt ich niemals „Moslemkost“ – sondern vegetarisch. DAS geht. Da sagt auch… Weiterlesen »

Sonnenfräulein
Gast
Sonnenfräulein

Nach einer guten Woche auf See ohne Radio und Fernsehen am warmen Sataya Riff, bin ich wieder in meiner schönen Heimat angekommen und öffne die News.
Der „Speiseplan“ war anscheinend die wichtigste Schlagzeile, die die Heimat bewegt.

Wie schön ist es, auch mal uninformiert zu bleiben.
Dieser Luxus sollte in Zukunft nicht schwer fallen.

Wie ich feststellte, ist das Netz im kleinsten ägyptischen Wüstendorf und auf dem Meer schneller als bei uns in der veregneten Innenstadt.

Norbert Kraas
Gast
Norbert Kraas

Klasse Text. Danke, Christine. Sehe ich genauso. Und ich liebe Blutwurst, die bei uns als Hartwurst auch Schwarzwurst heißt. Linsen à la Trebes mit angebratener Blutwurst sind ein Gedicht. Koche ich nur für Leute, die das mögen. Seehofer ist ein ignoranter Stoffel und überfordert.
Liebe Grüße aus Tübingen
Norbert

Petitpierre
Gast
Petitpierre

Ich bin seit 37 Jahren Vegetarierin und war damals eine absolute Ausnahme. Dauernd musste ich mich privat und beruflich rechtfertigen, weil ich kein Fleisch ass. Beruflich war es immer sehr peinlich, obwohl ich es eigentlich auch empörend empfand. Die Empörung behielt ich dann auch besser für mich. Ja sogar die Partnersuche gestaltete sich schwierig, denn mancher Mann konnte sich ein Leben ohne Fleisch nicht vorstellen. Ich bin froh darüber, dass sich die Zeiten geändert haben. Inzwischen ist es eine Selbstverständlichkeit auch bei beruflichen Anlässen vegetarische Häppchen anzubieten. Ich bin einfach nur dankbar dafür, dass ich mich nicht mehr rechtfertigen muss.… Weiterlesen »

Anna
Gast
Anna

Wenn es nur Blutwurst gegeben hätte, wäre die Kritik angebracht. Es gab aber viele verschiedene Speisen, um möglichst viele Bedürfnisse abzudecken, da darf dann auch etwas mit dabei sein, was nicht für alle passend ist. Damit wird man nicht automatisch ein schlechter, taktloser Gastgeber. Selbst als privater Gastgeber kann es vorkommen, dass sich eine Speise auf dem Buffet findet, auf die sich nicht alle – aus welchen Gründen auch immer- gleichermaßen freuen. Und auch als Gast kann ich aushalten, wenn andere Gäste etwas essen, was mir, ob aus religiösen oder anderen Gründen, nicht passt. Ob andere Spiesen wegen der Blutwurst… Weiterlesen »

Niemeyer
Gast
Niemeyer

Zur Gast-Etikette gehört auch, das man dem Hausherren/ Dame auch seine kulinarische Souveränität zugesteht. Als Gast möchte ich nicht als Mündel empfangen werden, sondern auf Augenhöhe. Vielfalt ist nicht mit vorauseilender Einfalt gleichzusetzen. Es gab noch viel mehr kulinarisches Angebot auf der Konferenz – Vielfalt halt. Wenn ich zu Gast bei meinen koreanischen, russischen, türkischen Freunden bin, beschwere ich mich nicht darüber, kein Bier nach „deutschen Reinheitsgebot“ oder gar „Schafshoden“ serviert zu bekommen und bin beleidigt. Dann bring ich halt ein Kasten gutes Bier mit als Beitrag zur Völkerverständigung. „Für meine Freunde kaufe ich Hummus und vegetarische Wurst, wenn sie… Weiterlesen »

Johanna
Gast
Johanna

Souverän ist anders. Da setzt man vielleicht etwas vor, was nicht mindestens die Hälfte der Biodeutschen auch nicht im Traum essen würde… Ich weiß nicht, wie man glaubt, Muslime einfach weiter so negativ sonderbehandeln zu können wie bisher ohne dass das eines Tages Auswirkungen auf deren Solidarität haben soll. Sprich „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“ zu sagen und gleichzeitig Integration zu erwarten…

Domagoj
Gast
Domagoj

Warst du auch schon mal darüber empört, dass einem praktizierenden Katholiken am Freitag Fleisch angeboten wurde – als einzige (!) Speise?