Jagen dürfen nur die Männer. Sex und Gender

Eigentlich wollte ich diesen Text übers Jagen, Geschlechterrollen und Verführung, den ich im Mai schrieb, noch eine Weile im Redaktionssystem aufbewahren und dann in den Papierkorb verschieben.

Aber das geht jetzt nicht mehr, denn ich habe heute einen Text über Verführung und Geschlechterrollen auf Zeit Online gelesen. Und darin wird thematisiert, was mich seit geraumer Zeit beschäftigt:

Männer lassen es eher mal darauf ankommen und wagen einen ersten aktiven Schritt. Das gehört für sie natürlich zum Wettbewerbsverhalten dazu – ein bisschen wie beim Fußball, da muss man auch mal aus einer nicht ganz klaren Situation heraus aufs Tor schießen.

Und:

Das Blöde an Klischees ist, dass sie oft einen wahren Kern enthalten. Im Durchschnitt ist Männern das Gefühl, verführt zu haben, wichtiger als Frauen.

So Ulrich Clement im Interview. Der Mann ist Sexualtherapeut und kennt sich sicher gut aus, aber mir stellen sich gerade ein wenig, nein ziemlich, die Nackenhaare auf. Weil ich verdammt nochmal auch gerne selbst den ersten Schritt mache, wenn mir danach ist, und das schon seit ich denken kann. Darf ich nicht? Passt nicht zur Rolle als Frau? Pah! Ich habe auch Fußball gespielt wie die Jungs, solange sie mich mitspielen ließen und nicht alle in Fußballvereinen verschwanden, wo Mädchen damals keinen Zutritt hatten.

Pfeil und Bogen
Wikimedialmages/Pixabay.com

Mich regt es auf, dass ich als Frau keine Initiative ergreifen soll, mich regen Männer auf, die forsche Frauen nicht ertragen, und noch mehr regt mich die Aussage auf, dass das eben so sei, und Frauen sich lieber nur durch die Haare fahren und darauf warten, als Beute abgeschleppt zu werden. Und überhaupt, wie wäre es, mal zu fragen, was die Frauen wollen?

Ich bin eine Frau und stehe zu meinem Jagdinstinkt

Wenn mir jemand gefällt, dann habe ich keine Lust, so zu tun, als wäre das nicht so. Ich will mich auch nicht rar machen, wie es mir meine Mutter und Generationen von Frauen ihren Töchtern rieten, selbst wenn das funktionieren würde – mir ist das zu blöd. Ich will nämlich rangehn, wie Nina Hagen das besang, und ich sehe nicht ein, warum das ein Privileg der Männer sein soll.

Wobei – so einfach ist das schon lange nicht mehr. Wenn Männer rangehn, dann ist der Grat zur Belästigung nicht selten schmal, und ich finde diese Entwicklung hin zu mehr Bewusstsein von Grenzüberschreitungen auch gut, denn belästigt werden möchte ich nicht. Und natürlich möchte ich auch niemanden belästigen. Ich will auch nicht positiv diskriminiert werden, weil ich eine Frau bin.

Mir ist klar, dass nicht jede Anziehung auf Gegenseitigkeit beruht. Meistens zieht mich sowieso niemand an und danach aus. Ich bin alles andere als eine Männer bespringende Nymphomanin. Trotzdem liegt in diesem Rangehen natürlich das Risiko, dass ich mich verschätze und das vom Gegenüber nicht gewünscht ist. Gut, das ist dann eventuell kurz peinlich. Wenn der andere zurückzuckt, dann ist das die Grenze. Dafür braucht es nicht einmal ein „Nein“, sondern etwas Feingefühl.

Ich will keine Beute sein!

Manchmal also, ganz selten, da finde ich jemanden echt geil. Und dann stehe ich da, als großes altes Mädchen, und versuche, mir nicht zu viele Gedanken zu machen. Was darf ich jetzt und was nicht? Mutual Consent, also gegenseitiges Einverständnis, das klingt so gut. Aber am Ende muss eine/r den ersten Schritt machen. Gar nicht so selten habe ich ihn getan, weil ich mir das einfach herausnehme. Ich möchte nicht warten, und ich will keine Beute sein. Zu viel Nachdenken darf ich dabei auch nicht, sonst ist nämlich nix mehr mit „Instinkt“.

Das ist das eine Problem bei der Jagd. Das andere ist, dass die meisten Männer furchtbar schnell Schiss bekommen, wenn sie merken, dass eine Frau auf sie aus ist. Es scheint zwingend zum Selbstverständnis des tollen Kerls zu gehören, dass ER die Frau erjagt, und nicht umgekehrt. Das ist mir aber zu blöd. Ich möchte auch jagen, genauso wie ich auch eine Karriere haben will und in gesellschaftlich relevanten Dingen mitreden und entscheiden.

Gleichberechtigt sind wir erst, wenn ich als Frau auch jagen darf

Ich habe das schon immer so gesehen. Diese Jagd, wenn sie nach fairen Gesichtspunkten verläuft, ist ein Spiel. Früher war das mit dem Jagen einfacher, weil political correctness, übergriffiges Verhalten und sexuelle Selbstbestimmung kaum ein Thema waren. Damals war absolut nicht alles besser, aber heute ist noch lange nicht alles gut. Und genauso wie Männer und Frauen Röcke tragen sollen dürften, und gleichwertig Kinder erziehen, sollte es auch beiden Geschlechtern erlaubt sein, auf Jagd zu gehen. ICH erlaube mir das.

Aber ich spiele bald eh nicht mehr mit, mir ist das zu doof. Nur für die jungen Frauen wünsche ich mir, dass sie sich viel mehr trauen und das Selbstbild als Beute hinter sich lassen. Damit ich in 20 Jahren nicht mehr solche Interviews lesen muss, in denen alles ist, wie’s immer war.

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Arthuro
Gast
Arthuro

Das Thema hab ich (aus Sicht das Mannes) in einem lyrischen Text verarbeitet
http://neunmalsechs.blogsport.eu/2014/silence-of-the-sheep/

Alexandra Z
Gast
Alexandra Z

Liebe Frau Finke, Ich bin jetzt 30 Jahre und muss feststellen, dass ich ihre Argumente oft von meiner Mutter zu hören bekomme und ich glaube, es ist ein Generationen-Ding. Diese Genderdiskussion um „Frau“ und „Mann“, was darf man, was muss man? Ich möchte als junge Frau entgegnen, dass Ihre Generation gute Vorarbeit geleistet hat. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich als Mädchen irgendwas nicht habe machen dürfen, nur weil ich ein Mädchen bin. Weder wurde ich so erzogen, noch hat mein Umfeld, die Schule, das Studium mir ähnliches suggeriert. Und trotzdem gebe ich freiwillig gerne manche dieser feministischen Kulturleistungen… Weiterlesen »

Tagpflückerin
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Tagpflückerin

Zum Glück ändern sich die Zeiten unaufhörlich. Meine Söhne werden aufgerissen, besonders der Große genießt das, er ist nicht so verwegen. Wir hatten gerade vor kurzem ein Gespräch, wie sie zu ihren (nicht gar so vielen) Freundinnen gekommen sind, und die Mädels waren schneller und mutiger wie meine Söhne. Sie fanden meine Geschichte unglaublich kompliziert, wie ich mich an meinen Mann gepirscht habe, ihm mit dem Zaunpfahl „eins übergezogen habe“, ohne dass er es zu deutlich merkte. Ich hoffe ich verfalle nicht in alte Rollenklischees, wenn die Jüngste mal so weit ist. Allerdings ähnelt sie in vielem dem großen Bruder.
lg

Suzie
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Suzie

Ich habe alle meine Männer selber angesprochen. Ohne mir jemals darüber Gedanken zu machen. Ich denke, dass da aber auch die DDR-Erziehung eine Rolle spielt. Beim Zusammenbruch war ich in der späten Pubertät – und das Selbstverständnis von Frauen & Mädchen war nun einmal zu DDR-Zeiten ein sehr viel selbstbewussteres. Und das bringe ich auch meiner Tochter bei: wenn sie etwas möchte, muss sie aktiv sein. Warten & hoffen, dass sie eventuell „einfach so“ bekommt, funktioniert nicht.

jongleurin
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jongleurin

Auch hier: alle selbst angesprochen und klar gemacht :-)

Ich finde das einen ungeheuer guten Indikator für die Partner- oder Affärenwahl. Männer, die damit nicht klar kommen, kommen für weitere Geschichten eh nicht in Frage, da sie einem Frauenbild nachhängen, das ich nicht verkörpere. Das würde eh nix mit uns werden.

Und es ist so unheimlich viel entspannter, wenn man nicht auf den ersten Schritt warten muss, sondern ihn einfach macht.

Katinka aus LE
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Katinka aus LE

Offensichtlich ist Ulrich Clement ein Sexualtherapeut der „alten Schule“, sonst hätte Dein Blogeintrag kaum Existenzberechtigung. Obwohl: wenn man sich in Deutschland die Situation der Frauen ab Geburt des ersten Kindes anschaut, bin ich mir doch nicht sicher, ob da eine gesellschaftliche Änderung im Gang ist. Ich war beim Mauerfall 1989 15 Jahre alt und bin mit dem ostdeutschen Selbstverständnis der Frauen und Mädchen aufgewachsen. Heute bin ich froh, in Frankreich zu leben, da ist das Leben als berufstätige Frau einfacher, denke ich. Selbst alleinerziehende Mütter, wie ich es aus dem Bekanntenkreis kenne, „schaukeln das Kind“ schon einigermassen, weil sie vom… Weiterlesen »

Sabine
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Sabine

Liebe Christine, ja, was soll ich sagen? Der Mann hat wohl Recht… Mir ging es als junge Frau jedenfalls immer so. Nicht eine Beziehung zu einem Mann, der mir – von mir aus – gefiel, ist je zustande gekommen. Die wollten einfach nicht von einer Frau gezeigt bekommen, dass sie gemocht werden. Wenn ich jemandem signalisierte, dass ich ihn mochte, war der Mann schnell weg ehe ich bis drei zählen konnte. Mir kam es immer so vor als hätte ich als Frau die „Regalposition“ – ich musste warten, bis sich jemand dazu herabließ, sich für mich zu interessieren… Das war… Weiterlesen »

Martin
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Martin

Selbst ist die Frau! Mich stört das „Erobertwerden“ nicht. Ich finde es gut, wenn Frauen in ihrer Partnerwahl aktiver werden. Wenn immer mehr Männer ihren eigenen Weg gehen, wird vielen Frauen keine Alternative bleiben als selbst aktiv zu werden.

Wolf
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Wolf

Ein Mann darf vorsichtig sein bei einer Frau, die gern und mutig erobert. Sie wird es immer wieder tun, wenn mal irgendwas quer liegt. Da wir sicher aus der Statistik wissen, dass Frauen mehrheitlich die Schlussmacher in Beziehungen sind, ist diese Art der Männereroberung ein großes Risiko für eine langfristig geplante Beziehung. Von Frauen ausgewählte Männer haben niemals eine Entscheidung für die Frau getroffen, sondern nehmen einfach das sich selbst in den Einkaufskorb legende Sonderangebot mit. Richtig ist es so: Der Mann wählt aus und die Frau entscheidet über den Antrag. Es ist gut für Männer Abfuhren zu kassieren. Es… Weiterlesen »

Martin
Gast
Martin

@Wolf,
du sprichst die „Nein ist nein Kampagne“ an. Dazu habe ich auch schon einige Artikel gelesen und mir sofort gedacht wie man auf so einen Schwachsinn kommen kann. Wieder ein Sargnagel mehr im Sarg dieser Gesellschaft.
Die Erfahrung habe ich auch gemacht, daß Frauen immer aus dem zur Verfügung stehenden Angebot auswählen. Viele Männer täuschen sich selbst, wenn sie meinen, sie hätten ihre Frau ausgewählt.

Martin
Gast
Martin

Danke für die Info. Schönen Tag noch!

Nemo
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Nemo

Danke für Ihren Artikel, ihn zu lesen tat mir richtig gut.
Denn ich (33) „jage“ auch, zeige es, wenn ich wen mag.

R i n a
Gast
R i n a

Huhu, ich bin eine solche Frau die gerne jagt und sich fragt, ob es noch Jägerinnen hier gibt die das Geschriebene ebenso unterschreiben können wie ich? :-)