Neusprech in der Familienpolitik: Ein-Eltern Familien, Gute-Kita Gesetz, Doppelresidenzmodell

Framing durch Neusprech auch in der Familienpolitik: Ein machtvolles bis gefährliches Instrument, wenn wir die Begrifflichkeiten, die wir benutzen, nicht hinterfragen. Denn Worte vernebeln Realitäten.

Vergangene Woche war ich als Referentin zu Gast auf einer Veranstaltung im Stuttgarter Landtag. Eingeladen hatten die Grünen, und das Ganze war ein familienpolitisches Fachgespräch. Es war eine mit kompetenten Speakerinnen besetzte Veranstaltung vor  interessiertem Fachpublikum, darunter auch einige Alleinerziehende, die politisch aktiv sind. Wir sprachen etliche Punkte an, die zu verbessern wären, und es bestand große Einigkeit darüber, dass vieles im Argen liegt für die Alleinerziehenden. Es war eine rundum gelungene Sache, überall zufriedene Gesichter, die sich über den Austausch freuten. Fein.

Aber dann ergriff die Staatssekretärin im Ministerium für Soziales in Baden-Württemberg, Bärbel Mielich, das Wort. Sie wollte mal einen ganz anderen Blickwinkel offerieren, sagte sie (nicht wörtlich, sondern sinngemäß), und dass sie es für wünschenswert und richtig hielte, wenn wir von dem Wort „Alleinerziehend“ weggkommen. Viel besser, meinte sie, sei doch der Begriff „Ein-Eltern Familie“ geeignet, der wirke nicht so negativ und einsam.

Framing
Schwerdhoefer auf Pixabay.co

Ein-Eltern Familie statt Alleinerziehende? Neusprech lässt grüßen

Ich spürte, wie der halbe Raum schluckte. Es war in den Vorträgen des Vormittags zu großen Teilen darum gegangen, dass alleinerziehend zu sein sehr oft arm und einsam mache und viele Schwierigkeiten mit sich bringt – und gleichzeitig auch darum, wie viel Alleinerziehende leisten, um den Alltag zu wuppen. Da war die Staatssekretärin noch nicht anwesend gewesen, was bei solchen Veranstaltungen normal ist, denn diese hochrangigen Politiker haben einen sehr dichten Terminkalender, und ich denke auch, selbst wenn sie anwesend gewesen wäre, hätte sie ihren Redebeitrag genauso gehalten. Denn den Bürgern heiße Luft als gute Idee zu verkaufen, das machen Politiker gern.


Ich überlegte, ob ich die gute Stimmung jetzt stören solle und wolle, und dachte dann, jawohl, ich muss wohl. Sonst würde ich mich hinterher ärgern. Schließlich bin ich Sprachwissenschaftlerin, ich weiß, was Framing ist, und ich habe mich in letzter Zeit über so einige Begrifflichkeiten in der Familienpolitik geärgert. Das „Gute Kita Gesetz“ zum Beispiel, mit dem Franziska Giffey den Bundesländern Geld in die Hand gibt, über das sie frei verfügen können, was aber noch lange nicht für gute Kitas sorgt. In der FAS von heute sagt Expertin Susanne Viernickel sehr treffend, das Gute-Kita Gesetz sei für sie „leider eher kein Gute-Kita Gesetz, sondern ein „Geld-für-alles Gesetz““, und ich muss ihr zustimmen. Ich fühle mich verkaspert, wenn Politik mir solche hohlen Phrasen als Erfolge verkauft, und ich sehe nicht, wie wir durch Schönfärberei bei Begrifflichkeiten Probleme lösen sollen.

Politische Luftschlösser: Sorgende Gemeinschaften und Doppelresidenz

Und das habe ich dann auch gesagt, wenn auch in anderen Worten: „Meine Kinder haben zwei Eltern, auch wenn ich sie alleine erziehe. Und ich finde die Bezeichnung alleinerziehend sehr zutreffend, denn ich mache alles alleine.“ Und dass ich auch nicht an die „Sorgenden Gemeinschaften“ und „Lebendigen Quartiere“ glaube, auf die politisch nun gerade gesetzt wird, und das für mich politische Luftschlösser sind. Wir sollen uns nämlich alle besser vernetzen und dann helfen sich alle gegenseitig, das ist grob gesprochen die Idee. „Die einzigen, die mir helfen, sind andere Alleinerziehende“, ergänzte ich noch, und dass meine Nachbarschaft zwar sehr lebendig sei, aber für praktische Hilfe niemand Zeit habe. (Außerdem möchte ich nicht auch noch als helfende Nachbarin für die Pflege alter Menschen herangezogen werden, was teilweise in den Konzepten der Altenpflege wirklich so fabuliert wird!)

Als ob irgendetwas besser würde, wenn wir nun Ein-Eltern Familie hießen! Eine Teilnehmerin des Podiums warf ein, es sei ihr egal, wie sie genannt werde, solange sich die politischen Rahmenbedingungen verbesserten und sich endlich etwas tue. Das kann ich ein Stück weit verstehen – mir ist aber nicht egal, wie ich genannt werde. Denn beschönigende Begriffe vernebeln uns die Sicht auf die bestehenden realen Probleme, auch das ist Framing.

Residenzmodell, Doppelresidenzmodell, oder doch eher „Zerrissene-Kinder Modell“!?

Oder nehmen wir das „Residenzmodell“, wie es seit einiger Zeit genannt wird, wenn ein Kind getrennter Eltern seinen Lebensmittelpunkt bei einem Elternteil hat und dort wohnt (anders als beim Wechselmodell). Residenz – das klingt doch nach fürstlicher, weitläufiger Anlage mit Personal. Nicht nach Armut und 2-Zimmer Wohnung. Ich mag dieses Wort nicht, und noch weniger mag ich den Begriff der „Doppelresidenz“, den sich die Wechselmodellbefürworter rund um einige Väterrechtler ausgedacht haben, die dann auch noch die FDP unterwandert haben und dort Stimmung gemacht haben, bis diese Partei beschloss, das Wechselmodell als gesetzlicher Standard sei optimal.

Doppelresidenz, was für ein euphemistischer Begriff! Wer denkt da nicht an doppelte, heimelige Residenzen? Ehrlicher wäre es, dieses Lebensmodell als „Zerrissene Kinder“-Modell zu titulieren, oder als „Unterhalts-Sparversuch Modell“, oder als „Ehefrauen-von-der Trennung-Abhalte Modell“. Denn es soll laut deren Befürwortern auch durchgesetzt werden können, wenn nur ein Elternteil das wünscht, selbst wenn dieser sich vorher kaum ums Kind gekümmert hat, weil er immer arbeiten war. (Freiwilliges Wechselmodell finde ich super. Das nur als Disclaimer.)

Verlogen ist das, und gefährlich. Ich möchte nicht nur, dass wir beim „Asyltourismus“, den Markus Söder im Bayerischen Wahlkampf ins Spiel gebracht hat, wachsam sind. Sondern auch und gerade in der Familienpolitik. Denn da klingen die schönen Worthülsen irgendwie beruhigend, und wer will nicht glauben, alles sei mehr oder weniger in Ordnung? Nun, ist es nicht. Und bitte nennt mich nicht „Ein-Eltern Familie“. Meine Kinder wollen das übrigens auch nicht.

P.S.: JobCenter sind natürlich auch keine JobCenter. Sondern Arbeitslosen/Aufstocker-Verwaltungs-und Drangsalierungs-Institutionen. Im Grunde ist sind all diese Beispiele Orwellsches Neusprech*, und das Ziel dieser Wortschöpfungen ist, Ideologien zu verankern und Realitäten zu schaffen.

*Wikipedia: Neusprech wird im übertragenen Sinne als Bezeichnung für Sprachformen oder sprachliche Mittel gebraucht, die durch Sprachmanipulation bewusst verändert werden, um Tatsachen zu verbergen und die Ziele oder Ideologien der Anwender zu verschleiern.

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Susanne Rohrbach
Gast
Susanne Rohrbach

Du hast recht, wir müssen auf unsere Sprache achten und dürfen uns nicht von scheinbar positiven Begriffen vernebeln lassen. Aber „Ein-Eltern-Familie“ drückt mein Gefühl aus, auch allein mit meinem Kind eine Familie zu sein.

Suzan
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Suzan

Ich finde „Ein-Eltern-Familie“ für uns genau richtig. Eben weil meine Kinder nur ein Elternteil haben, anders als bei vielen „Allein-Erziehenden“. Für mich ist es ein präzises Hyponym zum Hyperonym, wie „Labrador“ zu „Hund“.
Und ich persönlich mag daran, dass wir endlich als „Familie“ wahrgenommen werden. Jetzt fehlt nur noch, dass das auch im Rechts- und Steuersystem umgesetzt wird, Stichwort Splitting u.ä.

Katharina (Mama hat jetzt keine Zeit)
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Katharina (Mama hat jetzt keine Zeit)

Im von dir genannten Zusammenhang hast du natürlich Recht. Alleinerziehend ist nicht Dasselbe wie Ein-Eltern-Familie. Aber letzteres ist weder beschönigend, noch Neusprech, sondern es ist Fachvokabular aus der Demographie / Statistik / Soziologie. Der Begriff ist mir schon vor 30 Jahren an der Uni begegnet und bezeichnet einfach die „Familienform“: 1 Elternteil, das mit 1-n Kindern in einem Haushalt lebt und für diese verantwortlich ist. Der Begriff sagt nichts über den „Inhalt“ aus: das wieso, das wie, das warum und auch nicht darüber, ob da das andere Elternteil noch lebt und/oder sich an der Erziehung beteiligt. StatistikerInnen und DemographInnen benutzen… Weiterlesen »

Jessica
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Jessica

Danke! Sprache beeinflusst ja nun mal auch das Denken und die damit verbundenen Affekte.

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Verletzliche Familien. Für Bärbl Mielich. – mutterseelesonnig

[…] nicht allein lassen“ ins Postfach flog. Im Programm sogar ein Vortrag von der lieben Christine Finke, dann sehe ich die auch mal wieder, wie schön! Also halben Tag frei genommen und zum Landtag […]

Candy Bukowski
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Candy Bukowski

Spannende Frage. Ich finde, sie hat zwei Ebenen. Zum einen finde ich es wirklich sinnvoll, dass ich zusammen mit meinem Kind ebenso als Familie gesehen werde, wie die klassische Vater-Mutter-Kind Lebensgemeinschaft. Denn das sind wir. So leben wir und wenn es helfen würde, endlich auch steuerlich und in gesellschaftlicher Wertschätzung als Familie wahrgenommen zu werden… gute Sache! Aber ICH, als Mutter, bin eben alleinerziehend, alleinverantwortlich, alleinfinanzierend, alleinamLimit, alleinRichtungAltersarmut, alleinundunverpartnert, alleingesundheitlichangeschlagen. Und all diese „alleins“ lassen sich nur schwerlich mit dem hübschen Familien-Modell, in dem Erwachsene sich Verantwortlichkeiten teilen, in dem solidarisch erlebt und getragen wird, vergleichen. Und deshalb bin ich… Weiterlesen »

Ulla
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Ulla

Alleinerziehend…. mhhh. Ich war/bin ALLEIN verantwortlich für unseren Sohn. Deshalb immer berufstätig. Von Anfang an. Und wären da nicht andere gewesen, die sich an der „Erziehung“ dieses Kindes beteiligt hätten, wäre ich wohl aufgeschmissen gewesen. Ich habe uns als „Alleinerziehend plus“ erlebt. „Erziehungspartnerschaften“ mit Nannys, KItas, Erzieherinnen, Großeltern, Pflegediensten, Zivis ( gab es damals noch :-)) Freund*nnen, Paten – unser Umfeld halt. Alles Menschen, die mir beim Tragen des Alltags geholfen haben. Die aber nie den Vater ersetzen wollten oder konnten. Das Niederschmetterndste an diesem Dasein ist der Umgang mit den Behörden, den Repräsentanten der Gesetzgebung, der meist unempathisch ausführenden… Weiterlesen »

Charlotte
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Charlotte

Ich finde, du sprichst viele gute Punkte an! Ich halte persönlich allerdings auch „besonderes Kind“ für einen dieser Euphemismen — ich meine, alle Kinder sind irgendwie besonders, und warum sagen wir nicht „Kind mit Behinderung“ oder „Kind mit Krebs“ oder „Kind mit Autismus“ (leider fällt mir keine gute deutsche Übersetzung für das im Englischen wertungsfreie „on the autism spectrum“ ein). Das sind doch alles keine Dinge, die mit Stigma behaftet sein sollten (obwohl sie es natürlich aktuell sind, genau wie der Begriff „Alleinerziehende“), also, warum um den heißen Brei herumreden? Ich weiß auch, dass viele Menschen mit Behinderung nicht finden,… Weiterlesen »