Schlafmittel für Babys, Mütter und unfähige Journalisten

Neulich, in der Redaktion der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung:

Redaktionsleiter Z: “Lasst uns doch nochmal sowas machen wie neulich, als der Chef von Krankenkasse Dingsbums öffentlich zugab, dass sie alle schummeln. Das lief Bombe, Gesundheitsthemen mit Skandalfaktor lieben die Leute!”

Redakteurin A: “Hm, ich hätte vielleicht eine Idee. Ich hab da neulich in einem Elternforum was gelesen, weil mein Kind nicht schläft und mich das in den Wahnsinn…., also, ich meinte, eine Freundin von mir hat mir erzählt, ihr Kind schläft nicht, und da gibt’s wohl Eltern, die ihren Babys dann Schlafmittel geben, damit endlich Ruhe ist.”

Z: “Achwas. Sex haben wir ja auch schon für den Titel geplant. Da passen Babys eigentlich ganz gut. Aber ist das nicht eine viel zu seltene Sache, so ein Baby schläft doch den ganzen Tag?”

Redakteurin B: “Neenee, Chef. Babys schlafen zwar oft tagsüber, aber nicht viel am Stück, und nachts sind sie auch oft wach. Manche treiben ihre Eltern fast in den Wahnsinn damit. Wenn das über Monate so geht, ist das wie Folter. Das wäre doch ein interessanter Aspekt, was so ein Schlafentzug mit den Eltern macht!”

Z: “Ich weiß nicht. Also meine drei Kinder haben nachts super durchgeschlafen, darum hat sich meine Frau gekümmert. Wir hatten überhaupt keine Probleme!”

Schlafmittel für Babys

Redakteurin A und Redakteurin B werfen sich heimlich einen Blick zu und verdrehen die Augen. Dann sagt A:

“Chef, sind Sie sicher, dass das so war? Vielleicht haben Sie das Baby einfach nicht gehört? Und Ihre Frau stand immer auf? So ist das nämlich in den meisten Familien.”

Z: “Ja, logisch ist meine Frau aufgestanden. Die war ja auch in Elternzeit, und ich musste hier fit sein im Job. Das haben wir so ausgemacht, sie wollte es so. Und außerdem trage ich den Hauptteil zum Familieneinkommen bei. Ich kann doch morgens nicht müde ins Büro kommen!”

B: “Aber es gibt doch mittlerweile auch Frauen, die arbeiten, bevor das Kind 3 ist. Und wenn so ein Kind nicht schläft, dann hat sie ein großes Problem – außer, wenn der Vater sich auch ums Baby oder das Kind kümmert, wenn es nachts wach wird. Darüber würde ich gerne schreiben. Die Gleichberechtigung muss mit rein in den Text!”

Z: “Papperlapapp. Frauen können sich sowieso viel besser um Babys kümmern. Die wissen einfach, was das Baby hat, und für uns Männer ist das schon rein biologisch nix!”

A: “Aber Chef, das ist nicht ganz Stand der Forschung. Zwar werden Frauen wohl schneller wach, wenn ein Baby schreit, aber Väter könnten doch auch….”

Z unterbricht Redakteurin A unwirsch: “Nein, das schreiben wir nicht. Wir fokussieren und darauf, dass die Mütter es sich zu leicht machen, und dass das total gefährlich ist und wir eine Rezeptpflicht für Schlafmittel brauchen.”

B: “Das hilft aber doch den Betroffenen gar nicht? Wäre es nicht besser, zu thematisieren, dass niederschwellige Hilfen für Eltern wichtig sind? Ohne Stigmatisierung derjenigen, die in Not sind? Und die Mütter zu stärken?”

A: “Genau, Chef. Wenn wir dann noch reinbringen, wie wichtig die Rolle der Väter ist, und dass der gesellschaftliche Druck auf Eltern heute enorm hoch ist, dann wird das eine runde Sache!”

Z: “Ja, sind wir denn die taz? Das will doch niemand bei uns im Blatt lesen! Denkt doch mal an unsere Leserschaft, und außerdem ist doch – seien wir mal ehrlich – immer die Mutter Schuld, wenn mit dem Baby oder Kind etwas nicht gut läuft. Ich sehe schon die Unterüberschrift: ‘Mütter stellen ihre Kinder ruhig. Fachleute verlangen wenigstens eine Rezeptpflicht’. Ein paar ominöse Zitate aus dem Internet von Userinnen, wohlklingende Experten reinstreuen, die Angst vor den Nebenwirkungen machen, ein bisschen Mohnkapsel und Mittelalter als Einleitung, fertig. So wird das gemacht, das wird der Knaller. An die Arbeit, Mädels! Das ist doch endlich mal ein Thema, bei dem Ihr euch auskennt. Haut in die Tasten!”

B: “Dann sollten wir wenigstens die Schreiambulanzen erwähnen. Es gibt davon zwar noch viel zu wenige, und sie haben oft lange Wartezeiten, aber das wäre eine Alternative zum Sedieren von Babys.”

Z: “Schrei- was? Also, wer sowas braucht, hat doch irgendwas falsch gemacht. Wie gesagt, meine Kinder haben alle tipptopp durchgeschlafen nach 2 Monaten. Das ist doch alles nur teurer Quatsch, der die Eltern beruhigen soll. Aber gut, meinetwegen, nehmt die Schreiamubulanzen rein. Aber nicht zu ausführlich. Wir wollen ja auf das Problem fokussieren. Diese Mütter von heute, die nicht mehr wissen, wie man mit Babys umgeht. Die sind unser Problem, und das muss rauskommen in dem Text. Das werden unsere Leser mögen. Und meine Frau kocht mir mein Lieblingsgericht, wenn sie das am Sonntag liest. Denn die weiß wenigstens noch, wie man einem Mann anständig den Rücken freihält!”

Diese Glosse bezieht sich auf den Aufmacher der FAS vom 23. Oktober 2016, der in einem ganzseitigen Text auf S. 2 vertieft wird. Geschrieben wurde der S. 2 Text von einer Frau.

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16 Kommentare auf "Schlafmittel für Babys, Mütter und unfähige Journalisten"

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ehrlichgesagt
Gast

Super geschrieben, Christine, ich sehe die Szene bildlich vor mir!

Dazu fällt mir ein, dass mein Vater (Jahrgang 1917) nicht müde wurde, mir zu erzählen, dass die meisten Unfälle im Haushalt passieren würden und dass Frauen davon überdurchschnittlich häufig betroffen seien. Er sah das als Beweis dafür, dass Frauen von Natur aus ungeschickter/ dämlicher seien als Männer und nicht mal in der Lage, auf eine Leiter zu steigen, ohne sich irgendwas zu brechen. Erkenntst du die Logik wieder?

Tina
Gast

Hahahahahahahaha.
Böse, aber schön.

Ulrike
Gast

Vielen, vielen Dank! Ich habe mich über den Artikel so sehr geärgert, ich kann es gar nicht in Worte fassen. Da werden einfach alle Mütter/Väter fertig gemacht, die sowieso schon hilflos einem großen Problem gegenüberstehen. Ich war beim ersten Kind so verzweifelt, ich habe einfach alles versucht. Rückblickend war das sicher nicht “optimal” aber wir leben einfach nicht mehr in Zeiten, wo ringsherum eine Großfamilie helfend zur Seite steht.

Blogprinzessin
Gast

Ist was mit dem Kind? Mutter ist Schuld.

Ein Arbeitskollege meines Mannes erzählte ihm letztens noch stolz das er Nachts nie aufsteht, denn das wäre ja sowieso “alles Mutterinstinkt” mit so kleinen Babys.

Caro
Gast

Also, den Artikel fand ich etwas halbherzig und wischi-waschi. Zu unkonkret, um sich darüber aufzuregen. Die von Dir bemerkten Brüche in der Darstellung der Fakten (Mittelalter bzw. 19. Jahrhundert, Internetforen, Schreiambulanz) regen wirklich dazu an, sich die Redaktionskonferenz vorzustellen!

Herta
Gast
Hallo, meine knapp 80jährige Nachbarn erzählte mir, dass es früher ganz normal war, Babys schreien zu lassen. Väter kümmerten sich sowieso nicht, Mütter hatten mehrere Kinder und viel zu tun. Wie hätte das auch anders gehen sollen? Es war einfach keine Zeit für schuckeln und rumfahren, nachts rumtragen. Meine Mutter schrie als Baby auch viel. Da fuhr man sie einfach in den Kuhstall, wo sie sich den Nabel 3x rausgebrüllt hat. Meine Schwipp-Schwiegermutter wurde als Säugling auf einen eiskalten Dachboden gestellt, wo man sie fast vergessen hätte. Sie wäre beinahe erfroren, war schon blau gewesen… Insofern… Da kann man seinem… Read more »
Carolin
Gast

Vielen Dank für diesen erfrischenden Artikel, auch wenn es sehr erschreckend ist, dass es wirklich so abgelaufen sein könnte.

Liebe Grüße,
Caro

Mama Mensch
Gast

Medienkritik und Gesellschaftskritik zum Schmunzeln geschrieben. Herrlich! Sowas liebe ich, danke.

Alexandra Bongardt
Gast

Hallo Frau Finke,
ich finde es supertoll, dass Sie Ihren Blog werbefrei halten, und auf diese Art unabhängig sind, Ihre Meinung zu verkünden. Für mich der Hauptgrund hier zu lesen.
Weiter so!
Herzliche Grüsse

Susi
Gast

Schau mal hier, kannst Du vertwittern (ich komme da gerade nicht rein) – neutraler geschrieben, in CH sinds nicht nur die Mütter aber sie nennen die Medikamente namentlich … http://www.20min.ch/schweiz/news/story/Eltern-stellen-Babys-mit-Medikamenten-ruhig-21162817

Verena
Gast

Dankeschön! Brilliante Idee. Ich habe mich nämlich gerade über den online Artikel aufgeregt!

Mira und Deva
Gast

Oh man, Deva und ich sind rückwärts vom Stuhl geflogen, als wir das gelesen haben…
Dank deines Beitrages haben wir dennoch gerade ein wenig lachen können, wir konnten uns beide gut vorstellen, dass du mit deiner “Ahnung” nicht all zu weit von der Realität liegst.

Liebe Grüße
Mira und Deva

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