Trisomie 21: Bluttest statt Fruchtwasseruntersuchung

Jetzt orakeln sie wieder, die Gutmenschen, ob durch den neuen Bluttest, der Trisomie 21 diagnostizieren kann (landläufig als Down Syndrom bekannt) Babyauslese betrieben wird, und es zu mehr Abtreibungen kommt. Entschuldigt, liebe Leser, wenn ich bei diesem Thema, zu dem ich gerade auf Spiegel Online die Nachricht las, dass der Bluttest nun endlich nach Deutschland kommt, sehr emotional und vielleicht auch bissig werde.

Denn wer wie ich alle drei Kinder als „Risikoschwangere“ allein von Alters wegen bekommen hat, und bei einer der drei Schwangerschaften so miserable Blutwerte in der pränatalen Diagnostik der 12. SSW hatte (wo auch die Nackenfaltenmessung beim Spezialisten gemacht wird), dass eine Fruchtwasseruntersuchung dringend nahegelegt wurde, der hat sich schon sorgfältig Gedanken zu diesem Thema gemacht.

Kinderzeichnung

Ein großes Thema, bei dem es sich keine werdende Mutter leicht macht, meine ich. Es war ein schwerer Schock für mich, im Ersttrimester-Screening zu hören, dass eines der Kinder allem Anschein nach schwer behindert auf die Welt kommen würde. Und dass falls ich Gewissheit haben wollte, das Risiko einer Amniozentese, wie die Fruchwasseruntersuchung medizinisch heißt, eingehen müsste. Das bedeutet, dass um die 17. SSW einem mit einer sehr langen, spitzen Nadel ohne Betäubung in den Bauch gepiekst wird, und Fruchwasser aus der Gebärmutter gesogen. Dabei muss die Schwangere etwa 15 Minuten sehr still liegen (ich hatte Schnupfen und eine Heidenangst, zu niesen), und nach der durchaus schmerzhaften Untersuchung sich noch 30 MInuten ausruhen. 1-2 Tage danach besteht erhöhtes Fehlgeburtsrisiko: Im Schnitt 1 von 100 Babys stirbt nach der Fruchtwasseruntersuchung durch Wehen, die im Anschluss zu einer Frühgeburt führen können. Wenn der Arzt, der die Fruchtwasseruntersuchung macht, erfahren ist, ist das Risiko geringer – mein Spezialist konnte von sich sagen, eine Quote von nur 0,5% (also 1 Fehlgeburt auf 200 FUs)  zu haben. Aber trotzdem – die Entscheidung, das machen zu lassen, ist mir nicht leicht gefallen.

Andererseits war mir der Gedanke unerträglich vielleicht ein Kind im Bauch auszutragen, das direkt nach der Geburt an einem schweren Herzfehler stirbt, oder nach Wochen oder Monaten des Leidens. Ich hätte das nicht ausgehalten. Die Alternative, sollte das Kind einen schweren Gendefekt haben, von dem man durch eine Amniozentese weiß, ist aber noch fürchterlicher: In so einem Fall raten die Ärzte zur Abtreibung durch Geburt vor der 22. SSSW, wenn man das Kind nicht austragen will, nix mit Vollnarkose und hinterher aufwachen, sondern bei vollem Bewusssein ein Kind gebären, das dadurch zum Tode verdammt ist.

Allein schon die Entscheidung, ob man überhaupt wissen will, ob das Kind aller Wahrscheinlichkeit nach gesund ist (was man selten bedenkt: die meisten irreversiblen Behinderungen entstehen durch Geburtsschäden!) ist also keine leichtfertige. Ich habe mich nach langem Abwägen durchgerungen, den Fakten ins Auge zu sehen, und mich für die Fruchtwasseruntersuchung entschieden. Es waren lange 4 Wochen bis zu dem Termin in der 17. SSW, zu dem das Risiko wegen der dann optimalen Fruchtwassermenge gemacht wurde. Und es waren lange 2 Tage bis zum Anruf des Spezialisten, bei dem wir für 150 € den Schnelltest in Auftrag gegeben hatten, um nicht 14 Tage warten zu müssen – dann kam die Erlösung in Form von Entwarnung: „Es sieht gut aus. Das Ergebnis deutet nicht auf Trisomie 21 oder andere schwere Gendefekte hin“.

Was gewesen wäre, hätte ich nach der Amniozentese eine Fehlgeburt gehabt, und das bei guten Blutergegnissen, will ich mir gar nicht ausmalen. Aber jedes Jahr sterben laut Spiegel Online Hunderte gesunde Babys ganz umsonst, nur weil eine Fruchtwasseruntersuchung gemacht wurde. Der neue Bluttest kann das verhindern. Es ist gut, dass es ihn gibt.

Linktipps:

Leben mit Down Syndrom: Ein bisschen mehr. Mutmachender Artikel über das Leben mit dem Down Syndrom auf der liliput-lounge.de

Fachartikel zur Fruchtwasseruntersuchung auf der liliput-lounge.de

Experteninterview zum neuen Praena-Test auf liliput-lounge.de

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tina
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tina

ein wirklich heikles thema, das vor allem denen weh tut, die an trisomie 21 leiden und daneben stehen, wenn über sie geredet wird… meist als wären sie gar nicht da viele von ihnen führen ein leben, dass auch aus sicht „normaler“ menschen lebenswert ist trotzdem: jede Mutter muss für sich entscheiden, ob sie es seelisch und körperlich packen würde, für ein kind mit down syndrom da zu sein verantwortung übernehmen heißt nicht zwangsläufig, zu tun, was von einem erwartet wird es heißt viel mehr, sich selbst zu kennen und auch für die eigene person verantwortung zu übernehmen die diskussion darüber,… Weiterlesen »

Petra
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Petra

Bitte nicht die Amniozentese so überdramatisieren und anderen werdenden Müttern Angst machen.
Auch meine beiden Kinder waren sogenannte Risiko-Schwangerschaften. Beide Male wurde die Amniozentese angeraten. Beide Male war es sicher nicht angenehm, aber kein großes Drama. Ja, es können Babies sterben, aber ich glaube nicht, dass es hunderte sind.
Damals gab es noch keine andere Möglichkeit, die von der Kasse bezahlt wurde, die Chorionzottenbiopsie wurde noch nicht bezahlt.

Susi
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Susi

Hätte es damals bei mir einen Bluttest als Alternative gegeben, wäre das natürlich meine erste Wahl gewesen. Aber ich hatte auch noch die klassischen Amniozentesen. Zwei unterschiedliche Krankenhäuser – aber beide mit sehr viel Erfahrung, das war mir das Wichtigste. Um Statistiken zu Komplikationen habe ich mich nur etwas bemüht, wollte mich selbst nicht verrückt machen lassen. Die Untersuchungen waren in beiden Fällen weder sehr schmerzhaft noch sonstwie beunruhigend, die durchführenden Ärztinnen waren besonnen, freundlich und danach „lag ich halt noch zwei Tage herum“. Die nervliche Anspannung wäre sicherlich noch grösser gewesen vor dem Eingriff, wenn ich wie Du ein… Weiterlesen »

Nessa
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Nessa

Bei mir fiel das Erstsemesterscrenning von den Blutwerten her auch sehr, sehr schlecht aus. Nackenfalte hingegen total unauffällig. Die letzten 4 Wochen waren für mich und meine Familie sehr schlimm. Nun werde ich am kommenden Dienstag eine FU durchführen lassen und hoffe natürlich das alles gut geht. Ich befürworte daher den neuen Bluttest. Und es sollte jedem selbst überlassen werden, was er über sein Baby erfahren möchte und was nicht. Ich kann mehr genau vorstellen was Du für eine Zeit durchgemacht hast.

Katharina (Mama hat jetzt keine Zeit)
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Katharina (Mama hat jetzt keine Zeit)

Danke für diesen Artikel. Ich bin auch froh um den Bluttest. Was viele aber nicht bedenken: Auch nicht-invasive Untersuchungsmethoden können den werdenden Eltern die Antworten auf die Frage „was, wenn…“ nicht abnehmen. Deshalb ist es wichtig, gut informiert und vorbereitet in eine solche Untersuchung zu gehen. Nicht dass man, wie einer Freundin geschehen, innerhalb eines halben Tages schleccht informiert über Abbruch oder nicht der Schwangerschaft entscheiden muss. Da ich während der Schwangerschaft mit meinem Sohn bereits 39 war, wurde uns eine FU ebenfalls ganz dringend ans Herz gelegt. Wir haben darauf verzichtet. Einerseits weil NFM und Bluttest sehr gut waren… Weiterlesen »

Jessika
Gast
Jessika

Hallo Christine,

Ich habe den Artikel gerade gefunden. Erstaunlicherweise über meine Suche im eigenen Blog. Ich denke, wenn man das einmal selbst erleben musste, reagiert man sehr sensibel darauf. Ich sah mich auch gleich wieder in diesem kalten Arztzimmer liegen und schlechte Witze machen, nur um meiner blanken Panik nicht ins Auge sehen zu müssen. Und irgendwie bin ich natürlich auch froh: Kam ja nix anderes bei raus, als nur der schwere Herzfehler. Ich weiß bis heute nicht, was dannn gewesen wäre…

Anna
Gast
Anna

Bei mir ist trimester 18 und 13 auffälig und jetzt muss ich fruchtwassertest machen um sicher zu sein. Wenn das test gut ist, ist das erster bluttest falsch gewessen? Es ist mein zweites kind. Meine Tochter ist jetzt 10 Jahre alt und sie ist gesund. Ich habe ganz normale schwangerschaft gehabt. Und jetzt ein schock für uns das zweite kind ist nicht gesund.