Von Gewalt betroffenen Frauen helfen: Dos and Don’ts

Du willst einer Freundin oder einer Bekannten helfen, die von häuslicher Gewalt betroffen ist oder betroffen war? Es ist schwierig. Aber es ist nicht so, dass Du nichts tun könntest.

Hier meine Tipps als ehemals Betroffene, die zudem viele Jahre ehrenamtlich in der Opferberatung tätig war:

Von Gewalt betroffenen Frauen helfen: Dos

Erstens und wichtigstens: Hinterfrage deine Motivation. Warum willst du helfen? Weil du es nicht ertragen kannst, dass sie in dieser Situation ist oder war? Oder weil sie signalisiert hat, dass sie Hilfe wünscht/braucht? Geht es um dich oder um sie?

Gewalt gegen Frauen
dimitriwittmann auf Pixabay.com

Falls sie schon getrennt ist

  • Drücke Anerkennung dafür aus, dass sie den Ausstieg geschafft hat
  • Bedanke dich für ihr Vertrauen. Es kostet Überwindung, zu erzählen, dass man Opfer wurde
  • Höre zu, was sie zu erzählen hat, ohne sie zu verurteilen
  • Glaube ihr und zeige ihr das auch
  • Schlage ihr vor, die Nachbarn einweihen, falls sie noch in Gefahr ist. Das kann nach einer Trennung sehr hilfreich sein, wenn noch Stalking- und Gewaltgefahr besteht. Viele Augen sehen besser als nur zwei!
  • Frage sie, ob sie Menschen hat, mit denen sie über das Erlebte reden kann, und verweise auf Therapeuten, Selbsthilfegruppen, anonyme Foren gewaltbetroffener Frauen im Internet, falls sie sagt, sie habe niemanden zum Reden, würde das aber gerne tun
  • Hilf ihr Kontakte zu anderen Betroffenen zu knüpfen, falls du welche kennst – am besten vor Ort. Es entlastet ungemein, sich nicht so alleine zu fühlen

Falls sie noch in der Beziehung ist

  • Signalisiere Unterstützung zum Zeitpunkt ihrer Wahl: „Ich bin für dich da, wenn Du da raus möchtest, auch wenn das jetzt noch nicht geht“
  • Biete konkrete Hilfe an: „Womit kann ich dir helfen?“ (Gut ist, wenn du schon eine Idee hast. Abstrakte Angebote sind nicht so niederschwellig)
  • Gib ihr die Kontaktdaten von Gewaltberatungsstellen oder Frauenberatungsstellen und erwähne, dass diese auch telefonisch und per Mail beraten
  • Erzähle ihr, dass sie zur Polizei gehen kann, auch ohne den Partner gleich anzuzeigen, und dass es dort eine Opferberatung gibt
  • Mache sie auf die Wichtigkeit von Dokumentation der Taten aufmerksam, und auf gerichtsfeste Dokumentation von Verletzungen durch spezialisierte Ärzte
  • Falls sie Kinder hat: Stärke ihr unbedingt den Rücken und sage, dass es nie eine Lösung sein kann, der Kinder wegen mit einem Gewalttäter zusammen zu bleiben
  • Sage ihr deutlich, dass es schlimmer wird, nicht besser, wenn sie bleibt. Und dass ein gewalttätiger Vater Kindern schadet, selbst wenn sie die Gewalt nur indirekt miterleben
  • Warne sie davor, die Trennung unter vier Augen zu verkünden. Das ist einer der gefährlichten Momente im Leben einer gewaltbetroffenen Frau. Fachleute raten zu großer Vorsicht!

Von Gewalt betroffenen Frauen helfen: Don’ts

  • Vorwürfe machen, dass sie nicht sofort geht/gegangen ist: „Ich wäre sofort gegangen, wenn er die Hand gegen mich erhoben hätte!“
  • Behaupten, dass dir das niemals hätte passieren können, selbst wenn du das glaubst (Spoiler: stimmt nicht!)
  • Annehmen, dass sie zur Eskalation beigetragen hat: „Was hast Du denn getan, dass er so ausgerastet ist?“
  • Infrage stellen, was sie erzählt. Wenn er ihr ein Messer an den Hals gehalten hat und sie danach 10 Minuten durch die Wohnung geprügelt hat, dann war das wohl so. Auch wenn du ihren Mann kennst und dir das schwer vorstellen kannst
  • Vorwerfen, dass sie sich den falschen Mann ausgesucht habe: „Aber das merkt man doch vorher!“
  • Platitüden wie „Zum Streiten gehören immer zwei!“ verkünden

Zum Thema #schweigenbrechen und warum das speziell für Mütter so schwierig ist, habe ich schon ausführlich geblogggt. Sehr lesenswert in diesem Zusammenhang ein aktuelles Interview mit einer Familienrechtlerin im Spiegel Online, in dem knallhart aufgezeigt wird, dass Mütter, die sich von gewalttätigen Männern trennen, vor Gericht oft schlechte Karten haben. Es ist deprimierend, aber wichtig, darüber Bescheid zu wissen.

Und das wäre mein letzter Tipp: Informiert euch über die gesetzlichen und politischen Rahmenbedingungen. Die sind nämlich alles andere als gut für von Gewalt betroffene Frauen. Die Täter werden von unserem Rechtssystem stärker geschützt als die Frauen, die Hilfe benötigen, und bei gemeinsamen Kindern ist es umso schwerer, dem gewalttätigen Partner dauerhaft zu entkommen.

Am Ende, selbst wenn das klappt, üben viele getrennte Gewalttäter dann noch finanzielle Gewalt aus, indem sie keinen Unterhalt für die gemeinsamen Kinder zahlen, obwohl sie das könnten. Finanzielle Gewalt ist auch Gewalt – das hat Teresa Bücker anlässlich der Aktionswoche gegen Gewalt an Frauen diese Woche dankenswerterweise sehr deutlich gesagt:


Fehlende Unterhaltszahlungen betreffen jede zweite Alleinerziehende, und unser Festhalten am gemeinsamen Sorgerecht samt Umgangsrecht des Vaters/Täters, das über dem Gewaltschutz der Frau steht, macht das Leben der einst von Gewalt betroffenen Frau und ihrer Kinder nicht leichter. Leider sind das keine Einzelfälle, sondern traurige Normalität – alleine in meinem engsten Konstanzer Freundeskreis habe ich fünf Frauen, bei denen niemand vermuten würde, was sie durchmachen, und die sich gerade mit dem Jugendamt, Familiengericht und Anwälten herumschlagen und schlaflose Nächte haben, viele Jahre nach der Trennung.

Denn mit der Trennung ist es noch längst nicht vorbei. Wir aber lassen die gewaltbetroffenen Frauen dann alleine. Vor allem aber sollten wir sie nicht für das stigmatisieren, was sie erlebt haben. Das ist etwas, was wir alle tun können. Klingt doch eigentlich machbar, oder?

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Charlotte
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Charlotte

Danke für diesen Artikel, Christine!
Mich macht dieses Thema und der Umgang damit in Deutschland unglaublich wütend und ich finde es total gut, dass Du da immer wieder aufmerksam machst und Aufklärung betreibst.

Sara
Gast
Sara

Danke für den Artikel. Ich bin Anwältin für Familienrecht und habe diese Woche mal wieder ein Erstgespräch mit einer Betroffenen. Auch wenn ich mit dem Thema leider schon Erfahrung habe und viele Tipps aus dem Artikel schon beherzige, liefert er mir auch neuen, wichtigen Input. Danke dafür.

mom
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mom

Das gemeinsame Sorgerecht KANN eine gute Sache sein, aber es erschüttert mich ehrlich gesagt die Blauäugigkeit jener Politiker/innen, die das durchgesetzt haben, glaubend, dass dann Eitel Freude und Sonnenschein herrschen würde, weil sich ja bekanntlich stets beide Eltern in tiefem Verantwortungsbewußtsein in die Erziehung einbringen. *Irony off

Nini
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Nini

Liebe Christine, vielen Dank für diesen Beitrag. Ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen, wie wichtig es ist, Betroffene nicht zusätzlich unter Druck zu setzen und zur Trennung vom Täter zu drängen. Dadurch kann es zur zusätzlichen Isolation vom sozialen Umfeld kommen und somit wird eine Trennung noch schwieriger. Und genau, zum Streit gehören NICHT immer zwei… Ich selbst gehörte immer zu denen, die behaupteten, mir könne das nie passieren. Als es dann so war, konnte ich es selbst kaum glauben. Heute fühle ich mich solidarisch mit allen Betroffenen.
Nochmals danke für dein Hinschauen ☺️

sag ich nicht
Gast
sag ich nicht

Dem sind wir aus dem Weg gegangen. Wir sind innerhalb von 2 Stunden geflüchtet, die Kinder und ich und haben. Haben alles hinter uns gelassen, Sprache, Land, zu Hause.
Haben hier in Deutschland sozusagen wohnungslos wieder angefangen. So habe ich das alleinige Sorgerecht behalten.
War eine absolut lebensgefährliche Situation. Die Reaktionen des Umfelds. Du übertreibst, das kann nicht sein. Das macht krank und wütend.
Uns geht es wieder gut. Finanziell habe ich es geschafft. Emotionale Folgen sind langwierig. Aber ich habe es geschafft, keine perlen vor die säue (Kinder vor Richter)

Kat
Gast
Kat

Hallo, Ein sehr zutreffende und schöner Artikel trotz der angesprochenen Missstände der Gesetzgebung. 1. Es muesste Angesetzt werden schärfere bzw überhaupt Ahndung bei fehlenden Unterhaltszahlungen, da dies bei weitem nicht im so schön benannten Kindeswohl sein kann 2. Kinder die aus solchen Konstellation heraus zu Scheidungskindern werden, sollte ein Arzt eine Therapie verordnen können und nicht, beide Sorgeberechtigten müssen zustimmen. Der „Täter“ verweigert und kommt durch verbale oder körperliche uebergriffe damit durch. 3. Richter müssen viel schneller etwaige Täter zur Begutachtungen bzw zu einem Arzt/in eine Therapie schicken und das Umgangs-Sorgerecht entziehen können. Warum um himmelswillen, ist die Rechtssprechung so… Weiterlesen »

judith
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judith

Danke für diesen Artikel! Allerdings möchte ich noch einen Punkt hinzufügen – Gewalt beginnt oft schon lange bevor die Hand erhoben wird. Ich habe die psychische Gewalt meines Partners lange nicht dafür gehalten. Irgendwann habe ich allerdings die Augen geöffnet und gedacht, dass kann doch nicht wahr sein, dass mir das passiert. Ich bin doch total sensibilisiert. Ich glaube, genau da liegt ein wichtiger Knackpunkt – es sind ja jäufig schleichende Prozesse, die sich eben in einer Spirale immer weiter hochschrauben. Das Meiste hast Du in Deinem Artikel schon sehr gut zusammengefasst, ich habe aber den Eindruck, dass der Fokus… Weiterlesen »