Ungewollt und traumatisch: Was Fehlgeburt und Abtreibung eint

Im Frühling 2003 war ich zum zweiten Mal schwanger. Aber nicht lange.

Geburtstermin für das Kind wäre im Dezember gewesen, und wenn es so gekommen wäre, dann hätte meine Große einen 3 Jahre jüngeren Bruder oder eine Schwester bekommen, und ich ein weiteres Kind, das nun 15 wäre. Es war um Ostern herum im April, als ich das Kind verlor. Das war ein fürchterliches Gefühl, auf einmal rann mir das Blut zwischen den Beinen runter, und ich legte mich im Schlafzimmer hin, in der Hoffnung, dass alles gut werden würde und das gleich aufhören würde, aber das tat es nicht.

Ich war in der 8. Schwangerschaftswoche, ich hatte schon das Herz schlagen sehen, und ich freute mich auf dieses Kind, das mir da gerade zwischen den Beinen herausblutete, irgendwann kam ein dicklicher Klumpen, der auch hätte nur Schleimhaut mit Blut sein können, ich schaute ihn mir nicht so genau an, ich wollte das alles nicht. Hinterher sagte die Ärztin, es wäre gut gewesen, den Klumpen aufzubewahren, das hätte mir die später noch folgende Ausschabung ersparen können, die ich in der Klinik etwa 10 Tage später machen ließ, um eventuell noch vorhandenes Restgewebe zu entfernen, das spätere Schwangerschaften hätte erschweren können.

Wir hatten Besuch über die Osterfeiertage, und mein Mann zeigte sich wenig einfühlsam, für ihn war das eine Störung des Betriebsablaufs, er wusste nicht, wie er damit umgehen sollte. Also kümmerte er sich vorwiegend um die Gäste, was mir einerseits recht war, denn so hatte ich meine Ruhe, aber gleichzeitig stand ich unter Schock und hätte mir Zuwendung gewünscht. Und dann war da ja noch unsere 2-jährige Tochter, die sich irritiert darüber zeigte, dass ich leichenblass im Bett lag, während Papa im Wohnzimmer Gäste bewirtete und gute Laune verbreitete.

Der Körper fühlt sich noch schwanger, auch ohne Fötus

So schlimm die Fehlgeburt selbst war, umso viel schrecklicher aber waren die Ausschabung, die ich unter Vollnarkose im Krankenhaus machen ließ, und das, was der Körper nach dem Ende der Schwangerschaft durchmachte. Der HCG-Spiegel war anfangs unverändert hoch (ab der 7. SSW verdoppelt sich der Wert täglich, bis er in der 12. SSW am höchsten ist, und nach dem Ende einer frühen Schwangerschaft sinkt er auch erst langsam wieder), und ich fühlte mich immer noch schwanger, ohne schwanger zu sein. Die Brüste spannten, die Übelkeit war noch da, der Drang, ständig aufs Klo zu müssen, all das blieb viel länger als der Fötus.

Und dann ging noch irgendwas schief: Nach dem Eingriff blutete ich über Wochen so stark, dass es mir Angst machte. Meine Frauenärztin beschwichtigte erst, das sei normal, um dann nach 10 Wochen, als die Blutung längst hätte abgeklungen sein sollen, entsetzt vom Untersuchungsstuhl zu mir hochzugucken, als ihr ein großer Schwall hellrotes Blut entgegen kam. Ich erhielt dann Cortision, wenn ich mich richtig erinnere, und mein Körper erhielt endlich die Gelegenheit, sich zu erholen.

Die seelische Belastung braucht nicht auch noch den „Ausnahmetatbestand von der Strafbarkeit“

Das ganze Blut war das eine, aber die seelische Belastung ganz immens. Nebenbei hatte ich eine 2-Jährige Zuhause, die ganz normal mit ihrer Mama reden und spielen wollte, und einen Mann, der zwar fand, es sei schade, dass das Kind nun doch nicht komme, aber in keinster Weise trauerte wie ich. Und das tat ich. Es hat Monate gedauert, bis ich darüber hinweg war, und in mir etwas bewegt: Falls ich nochmal schwanger werden würde, könnte ich mir nicht vorstellen, abzutreiben.

Fehlgeburt und Abtreibung

Trotzdem, und gerade deshalb, weil ich weiß, wie es ist, nur ein paar Wochen schwanger zu sein, und dann eine Ausschabung zu haben, trete ich unbedingt und aus voller Überzeugung dafür ein, dass jede Frau selbst entscheiden können muss, ob sie ein Kind austrägt. Eine Abtreibung darf nicht illegal sein, so wie jetzt. Es ist stigmatisierend, wenn hier nur von einem „Ausnahmetatbestand von der Strafbarkeit“ die Rede ist, wo sich doch die Frau selbst schon in solchen Notlage befindet.

Eine Spätabtreibung – meine persönliche Vorstellung von Horror

Niemand, keine Frau nirgends, treibt gerne ab. Und schon gar nicht nach der 12. SSW – die Spätabtreibungen, von denen immer die Rede ist, als seien das Tupperparties, sind das Schlimmste, was einer Frau passieren kann in dem Zusammenhang. Eine Freundin von mir musste eine Abtreibung in der 22. SSW durchmachen, weil ihr Kind nicht überlebensfähig gewesen wäre, und sie nicht noch einem weiteren Kind beim monatelangen Sterben nach der Geburt zuschauen wollte. Da ist dann nämlich nix mehr mit Narkose und unschwanger aufwachen, da wird das getötete Baby mit Wehen aus dem Bauch gepresst, durch eine eingeleitete Geburt. DAS ist meine Vorstellung von Horror.

Bei Fehlgeburten gibt’s Mitleid – bei Abtreibung Stigmatisierung

Wer bitteschön, glaubt, dass Frauen sowas leichtfertig entscheiden!? Niemand, der bei Trost ist, oder auch nur ein bisschen Ahnung davon hat, wie traumatisch so eine Abtreibung sein kann – das ist sie aber nicht in erster Linie wegen der belastenden medizinischen Vorgänge, sondern vor allem, weil sie obendrein stigmatisiert ist. Dagegen war die Fehlgeburt, die ich erlebt habe, ein lächerlicher Zwischenfall – mir wurde immerhin Mitgefühl entgegengebracht.

Frauen, die durch eine Schwangerschaft in Not geraten, verdienen unsere Unterstützung, egal ob sie das Kind austragen, das Kind verlieren oder sich gegen ein Kind entscheiden. Und deswegen plädiere ich dafür, den §218 abzuschaffen, und Abtreibung endlich nicht mehr als strafbare Handlung einzustufen. Es ist komplett überflüssig, uns Frauen so zu bevormunden und zu stigmatisieren. Außer, wenn man genau das erreichen möchte.

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Rebecca
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Rebecca

Ein wirklich polarisierendes Thema. Ich sehe das als langjährige Kinderwunschpatientin anders. Ich habe jahrelang darum gekämpft schwanger zu werden und zu bleiben. Ich habe um das Baby in meinem Bauch gekämpft und habe naturgemäß wenig Verständnis dafür ein Kind schon im Bauch zu töten. Wenn man das Kind in seinem Bauch nicht möchte kann man es hinterher auch zur Adoption freigegeben, es gibt hunderte adoptionswillige Paare die sich sehr über dieses sonst so ungewollte Kind freuen würden. Und hier sehe ich ein Problem. Denn was in unserer Gesellschaft noch stärker geächtet wird als eine Abtreibung ist es sein Kind zur… Weiterlesen »

Giliell
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Giliell

Nun, du hast absolut Recht, dass Adoption geächtet ist (und das ist scheiße). Aber es geht hier nicht nur um die Frage, wer ein fertiges Kind großzieht. Es tut mir sehr leid, wenn dein Weg zum Kind sehr steinig war, aber ich werde um nichts in der Welt noch einmal eine Schwangerschaft austragen. Du bist nicht ich. Ich kann es nun mal, das ist ganz richtig, nicht in der 6. Schwangerschaftswoche abgeben, ich kann den Embryo nur abtreiben. Und ja, aus dem Embryo kann ein Kind werden, aber, wie viele von uns auch leidvoll wissen, es ist noch kein Kind.… Weiterlesen »

Kat
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Kat

Kann mich als ebenfalls ehemalige Kiwu-Patientin ihrer Meinung und dem was sie ausführen nur anschließen 👍. Hat man ein Bild oder ein Embryo (Bsp durch einen Artikel oder als selbst Betroffene gesehen) davon gesehen, merkt man dass es vom ersten Moment ein Lebewesen und nicht nur ein blutklumpen ist-daher habe ich persönlich bedenken bei dem Thema Abtreibungen. Es wird solchen Kindern viel zu wenig Bedeutung beigemessen-als nichts abgetan. Mit ihrer Beschreibung des Ablaufes einer Fehlgeburt hat Frau Finke wunderbar den medizinischen Ablauf im Körper, vom Empfinden einer betroffenen Frau und einem Empathielosen Mann der ev dazu kommt wiedergegeben. 👍👏 Es… Weiterlesen »

Herta
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Herta

Gut geschrieben! Allerdings kam ich mit der derzeitigen Regelung immer gut zurecht. Ich wusste auch als junge Frau immer genau, wer Abtreibungen vornimmt und wo ich mich hinwenden kann. Gleichzeitig war ich peinlich darauf bedacht, niemals in diese Lage zu kommen. Ich habe verhütet oder lebte enthaltsam – mein Frauenarzt klärte mich gut auf bzw. fühlte ich mich gut aufgeklärt und aufgehoben bei ihm. Und ich wusste, dass er ohne moralischen Zeigefinger Abtreibungen vornimmt – gleichzeitig wusste ich, dass ich wohl nicht zu den Frauen gehöre, die wegen nachlässiger Verhütung oder „aus Versehen“ schwanger werden. Es ist auch nie passiert.… Weiterlesen »

Heidi E.
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Heidi E.

Herta, ich stimme Dir zu. Allerdings gebe ich zu bedenken, dass wir alle nur Menschen sind und so eine Einnahme der Pille auch mal vergessen werden kann. Oder die sogen. Tropi-Schwangerschaften, wo eine Pille aufgrund welcher Umstände auch immer mal nicht gewirkt hat… Das kann ja eine simple Einnahme von Hustenmitteln o.ä. sein, die da ursächlich ist und evtl. nicht als Risiko eingeschätzt wurde… Ich war mir dessen in jungen Jahren nicht so bewusst aber ich hatte Glück. Wäre es zu einer ungeplanten Schwangerschaft gekommen, dann hätte ich vermutlich sofort eine Reise in die Niederlande gemacht… So nach dem Motto… Weiterlesen »

Neeva
Gast
Neeva

Hohe Abtreibungszahlen?
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/232/umfrage/anzahl-der-schwangerschaftsabbrueche-in-deutschland/

Was für viele andere Verhütungsmöglichkeiten denn? Entweder Hormone in verschiedenen Darreichungsformen (entscheide dich zwischen Thromboserisiko (die neuen Wirkstoffe) und Depression (die altbewährten Wirkstoffe)) oder Kupferspirale und Kondome.

Giliell
Gast
Giliell

Meine Uroma wurde in den 1920ern wegen Protesten gegen den Abtreibungsparagraphen zu 1 Monat und 3 Tagen Haft verurteilt. I can’t believe we still have to protest that shit. Jede Generation die selben Diskussionen. Wenn es um das Selbstbestimmungsrecht am eigenen Körper geht, dann stehen Menschen mit Uterus unterhalb von Leichen. Wenn jemand mit voll funktionsfähigen Organen, die mehreren Menschen hätten das Leben retten können begraben werden darf, weil die Person das nicht wollte, aber Schwangere zum Austragen gezwungen werden sollen, dann geht es nicht um Leben. Auch ich hatte eine Fehlgeburt mit anschließender Ausschabung. Eine sogenannte „missed abortion“, und… Weiterlesen »

Neeva
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Neeva

Danke für diese Wortmeldung.

Kerstin
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Kerstin

Ich kann Frau Finke nur zustimmen. Ich hatte zwischen meinen beiden Kindern zwei Fehlgeburten,eine in der 11. Woche mit Ausschabung, eine in der 7. Woche ohne Ausschabung. Auch wenn ich persönlich keine Abtreibung vornehmen lassen wurde, sollen Frauen frei bestimmen, ob sie ein Kind austragen wollen oder nicht. Es ist ihr Körper und ihre Entscheidung, die jeder respektieren sollte. Sicherlich wäre Adoption eine Möglichkeit, aber wäre das für die Frauen, die eigentlich kein Kind wollen, wirklich zumutbar. Unser Kinderwunsch ist übrigens nach dem zweiten Kind abgeschlossen, weil auch ich nach der Fehlgeburt keine glückliche Schwangere mehr sein konnte und mein… Weiterlesen »

Nini
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Nini

Danke für diesen tollen Beitrag, Christine, und deine klare Stellungnahme. Ich stimme hier voll zu. Ich würde gerne die Punkte Vergewaltigung und Partnerschaftsgewalt einbringen, um mehr Verständnis für Frauen zu wecken, die sich für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden. Im übrigen gibt es immer noch kein Verhütungsmittel, das 100 % sicher ist. Auch bedenken sollte man die hohen Kosten für Spirale und Co, die bsw. Für Frauen ohne Einkommen nicht aufzubringen sind. Ich appeliere für Solidarität statt Stigmatisierung. Im Übrigen entscheiden sich gut und gerne die Hälfte aller Frauen für einen Schwangerschaftsabbruch, die bereits mindestens ein oder mehrere Kinder haben und wissen,… Weiterlesen »

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Linkliebe № 22 | Meergedanken

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