Wechselmodell – auch wenn Papa* das nicht will?

Ein Einwurf anlässlich des Grundsatzurteils des Bundesgerichtshofs vom 27.02.2017

Irgendwas hängt da gewaltig schief.

Wenn es dem Kindeswohl entsprechen kann, dass ein Kind im Wechselmodell von beiden Elternteilen betreut wird, selbst wenn ein Elternteil strikt gegen das Wechselmodell ist, dann müsste es doch auch möglich sein, eben jenes Wechselmodell gegen den Willen des unwilligen Elternteils einzuklagen? Desjenigen, der sich vor der Betreuung drücken will?

Was ich meine, ist folgender Fall: ein Paar mit gemeinsamem Sorgerecht trennt sich, aber keiner möchte das Kind klassisch alleine großziehen und betreuen, und ein bisschen Wochenendumgang reicht nicht aus, um den eigenen Beruf weiter ausüben zu können, geschweige denn Hobbys.

Bisher ist es so, dass derjenige Elternteil, der das Kind vor der Trennung am meisten betreute (Stundenumfang), das Aufenthaltsbestimmungsrecht bekam (was aber besser klingt, als es ist, denn dieser Elternteil darf fortan nur noch mit Zustimmung des anderen Elternteils umziehen – als Begründung dient das Kindeswohl. Wohingegen der nicht betreuende Elternteil umziehen darf, wie er lustig ist, und das auch 1000 km weit weg). Meist ist dies die Mutter, ob sie es will oder nicht.

Wechselmodell
Maxmann auf Pixabay.com

Hat der Vater keine Lust, seine Kinder zu sehen, kann die betreuende Mutter nicht viel tun – ein Prozess zur Regelung des Umgangs vor dem Familiengericht ist möglich (ich habe ihn geführt), aber kein Richter zwingt Väter, ihre Kinder zu sehen. Das Kindeswohl, Sie wissen schon.

Wie es dem Kindeswohl dienen soll, wenn es eine abgearbeitete Mutter hat, die rund ums Jahr alleine für das Kind zuständig ist und in Armut lebt (50% der Alleinerziehenden erhalten keinen Unterhalt, wir erinnern uns. Und weitere 25% bekommen ihn nur unregelmäßig oder in zu geringer Höhe), beantwortet uns der Gesetzgeber nicht.

Und wie ein Kind in Frieden aufwachsen soll, wenn das Wechselmodell gegen den Willen der Mutter angeordnet wird, und wenn es wie im gestern verhandelten Fall trotz des Alters von 13 Jahren nicht einmal angehört wird, ist mir auch schleierhaft. (Fairerweise muss man sagen, dass die Richter dies auch bemängelten. Aber ich verstehe nicht, warum sie dann nicht darauf bestanden, das Kind zu hören. Vielleicht, weil es „nur“ um eine Grundsatzfrage ging, und nicht um den konkreten Fall?)

Wenn wir schon absurde Dinge per Gesetz zur Normalität machen, dann finde ich, könnten wir auch dazu übergehen, unwillige Väter dazu zu zwingen, das Wechselmodell auszuüben. Ob sie nun wollen oder nicht. Das dient dann auch dem Kindeswohl. Na gut, vielleicht nicht. Aber zumindest wäre dann die Schieflage behoben. Es kann doch nicht sein, dass Kinder zum Umgang mit dem Vater gezwungen werden, selbst wenn sie das nicht wollen, und dass Väter ein Wechselmodell erzwingen können, sie selbst aber zu gar nichts gezwungen werden können, nicht einmal per Gericht!? Und dass Kinder nicht das Recht haben, den Umgang mit dem Vater einzuklagen? Wo bleibt denn da die Gerechtigkeit?

Disclaimer: In der Überschrift steht „Papa“, weil 90% der Alleinerziehenden Frauen sind. Nicht, weil es nicht auch Frauen gäbe, die sich drücken würden.

BGH-Urteil von gestern bei Tagesschau.de

62 KOMMENTARE

  1. Grundsätzlich ist das Modell ok. Bei Bekannten von uns funktioniert es super, die getrennt lebenden Eltern wohnen nur wenige Straßen auseinander, die Kinder haben bei beiden ein Zimmer und ziehen nach Absprache hin und her. Kein Problem, mal schnell ein vergessenes Lieblingskuscheltier o.ä. zu holen. Wie das Modell aber gegen den Willen eines Elternteils funktionieren soll, ist mir schleierhaft. Und wie ist das bei schulpflichtigen Kindern, wenn ein Elternteil zu weit von der Schule weg wohnt? Dann bleibt ja nur das Wochenende. Oder das Kind geht in zwei Schulen? Ich glaube die Gesetzgeber machen sich da überhaupt keine Gedanken über die praktische Umsetzbarkeit…

  2. Das neue Urteil sieht es als Umgangsregelung, und die Mutter kann Umgang einklagen, dass müsste dann auch durchgehen, wenn es dem Kindeswohl dient. Der BGH hat ja nicht gesagt, dass es immer auszuurteilen ist, es müssen eben die Voraussetzungen dafür vorliegen

    Wäre spannend. Bedeutet dann aber auch wesentlich weniger unterhalt, dafür mehr Zeit.

  3. Meines wissens wurde das kind befragt, und – wie sollte es auch anders in einem entscheidungskonflikt antworten – zu protokoll gegeben haben, dass es ok sei, das so (also das wechselmodell) zu machen, dass es aber genauso ok wäre, wenn nicht. DIe praktische umsetzung ist das eine, der kindeswille (s.o.) oft nicht ergründbar, letztendlich bedeutet es, dass kinder weit vor der volljährigkeit selber über ihren aufenthaltsort bestimmen. Dieser „hype“ wird dazu führen, dass vor allem väter, deren fokus auf unterhaltsvermeidung und bindungsintoleranz liegt, sich jetzt bestätigt fühlen, das wechselmodell für sich in anspruch zu nehmen. WIe sagte schon der Anwalt (selber vierfacher vater) meines Exmanns zu ihm : „machen Sie sich frei von der Vorstellung, dass man Kinder aufteilen kann wie Hausrat oder Vermögen.“ Wenn das Wechselmodell funktionieren soll, ist ausser räumlicher nähe ganz ohne zweifel auch eine gute zusammenarbeit und kommunikation auf elternebene eine grundbedingung, das sehe ich bei konfliktbeladenen beziehungen nicht und damit schon gar nicht bei einem elternteil, der es einklagen will. Diejenigen

    eltern, die das wechselmodell erfolgreich leben, brauchen dazu keine anwälte, die anderen sind dazu m.e. Schlicht nicht in der Lage.

  4. Ich hätte damals gerne das Wechselmodell praktiziert. Die räumlichen und zeitlichen Bedingungen waren gegeben und die Kinder hätten es auch gewollt. Leider hat die Mutter der Kinder es blockiert und nicht zugelassen, da sie dann ja keinen Kindesunterhalt mehr hätte geltend machen können und mehr Zeit und Möglichkeit zum Arbeiten gehabt hätte, was sie nicht wollte. Als Vater, der sich wirklich um seine Kinder kümmern wollte und es auch immer noch tut, hatte ich damals kaum eine Chance, das Wechselmodell durchzusetzen. Daher begrüße ich das Urteil nun grundsätzlich. Allerdings ist, wie immer, der Einzelfall genau zu betrachten!

    • Kinder im höheren Alter lehnen das Wechselmodell oft ab, weil sie entweder einem Elternteil näher stehen (und Partei ergreifen) oder sie bereits im Prozess der Abnabelung vom Elternhaus stecken. Und die ganz kleinen Zwerge begrüßen jeden Mann mit Papa. Wenn also ein neuer Mann in das Leben der Alleinverziehenden tritt, ist das Wechselmodell sogar kontraproduktiv.

  5. „Aber ich verstehe nicht, warum sie dann nicht darauf bestanden, das Kind zu hören.“

    Der BGH ist ein Revisionsgericht; in der Revisionsinstanz erfolgt keine Beweisaufnahme, daher wird dort auch niemand angehört.

  6. Ich halte das Wechselmodell für großen Mist und hätte darauf als Kind überhaupt keine Lust gehabt. Das Kind hat ja dann kein festes Zuhause mehr, heute hier, morgen dort. Kinder sind ja oft sehr belastbar…aber als Erwachsene würde mir bei so einer Lebensweise wohl irgendwann das Burn-Out drohen.

    • Das ist so, weil Erwachsene da eher materiell denken. „Kein festes Zuhause“ machen Erwachsene oft an Dingen fest, die Ihnen in der anderen Wohnung fehlen würden. Kinder denken nicht so, besonders die sehr kleinen – sie wechseln in dem Modell nicht zwischen Dingen, sondern zwischen Zeit mit Mama und Zeit mir Papa, die beide gleich viel Zeit haben wollen und können – dadurch können Scheidungskinder sich wieder komplett fühlen – das größte Geschenk, was getrennte Eltern ihnen machen können.

      • In frühester Kindheit mag das so sein, doch schon im Kindergartenalter waren mir die Freundinnen aus der Nachbarschaft sehr wichtig. Und auch Kinder fassen emotionale Bezüge zu Ihrer Umgebung, ich kann mich noch sehr gut an mein kobaltblaues Gitterbett erinnern, unser erstes Häuschen, der Sandkasten in dem wir gespielt haben, der Ausblick, der Hohlweg hinter dem Haus etc. etc. All das trägt zu einem Heimatgefühl bei…..ein zweifaches Heimatgefühl herstellen zu müssen und dabei immer hin und her zu switchen erscheint mir schizophren. Es ist wohl mehr so ein Bauchgefühl, doch ich denke, die dadurch entstehenden Nachteile dürften die Vorteile zumindest auffressen. Ich finde es darüber hinaus bedenklich, dass der Staat das Wechselmodell propagiert , ohne wirklich dessen langfristige! Auswirkungen auf die kindliche Seele zu kennen.

        • Als jemand, der das Wechselmodell im Alter von 11 bs 16 Jahren gelebt hat, kann ich das nur bestätigen – auch bei einer räumlichen Nähe (3 Minuten zu Fuß) und ohne logistische Schwierigkeiten ist es anstrengend, führt zu ständigem Heimweh, die täglichen Routinen ändern sich jede Woche, man hat keinen richtigen Boden unter den Füßen. Es ist so zermürbend, dass ich mit 16 durchgesetzt habe, ganz zu einem Elternteil zu ziehen – gegen den Willen des anderen Elternteils, was uns beiden wehgetan hat – aber ich wäre sonst kaputt gegangen. (Ich sollte fairerweise sagen, dass das wohl nicht alle Kinder betrifft – mein Bruder hat das ganze von 7 bis 19 Jahren mitgemacht und hatte scheinbar nie ein großes Problem.) Die ersten paar Jahre meines Studiums, als ich dann ganz ausgezogen war, bin ich nur ungern zu meinen Eltern gefahren, weil ich mich dort so zerrissen gefühlt habe – als müsste ich die ganze Zeit versuchen, mich gerecht aufzuteilen.

  7. Im Urteil stehen vor allem juristische Spitzfindigkeiten, also ob es sich dabei um eine Sorgenrechtsfrage oder ein Umgangsfrage handelt. Denn in dem OLG Urteil wurde sich vor allem darauf berufen. Zum Thema wie das Ganze entschlossen wird beauftragen Sie das OLG ausdrücklich: „Entscheidender Maßstab der Regelung ist vielmehr das im konkreten Einzelfall festzustellende Kindeswohl.“ und weiter:
    „b) Die auf ein paritätisches Wechselmodell gerichtete Umgangsregelung setzt eine bestehende Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit der Eltern voraus (Fortführung des Senatsbeschlusses vom 15. Juni 2016 – XII ZB 419/15 – FamRZ 2016, 1439). Dem Kindeswohl entspricht es daher nicht, ein Wechselmodell zu dem Zweck anzuordnen, eine Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit erst herbeizuführen.
    c) Ist das Verhältnis der Eltern erheblich konfliktbelastet, so liegt die auf ein paritätisches Wechselmodell gerichtete Anordnung in der Regel nicht im wohlverstan- denen Interesse des Kindes.
    d) Das Familiengericht ist im Umgangsverfahren zu einer umfassenden Aufklärung verpflichtet, welche Form des Umgangs dem Kindeswohl am besten entspricht. Dies erfordert grundsätzlich auch die persönliche Anhörung des Kindes (im An- schluss an Senatsbeschluss vom 15. Juni 2016 – XII ZB 419/15 – FamRZ 2016, 1439).“

  8. Irgendwas hängt da in der Tat gewaltig schief und das ist die praktische Machbarkeit. Mein Ex-Mann hätte im Jahr 2008 unbedingt das Wechselmodell gewollt. Ich war strikt dagegen, weil sich die Hin- und Herzieherei für die Kinder schon so als Belastung erwies (einmal unter der Woche und vierzehntägig am Wochenende). Vor allem aber auch, weil er weder in der Lage war mit mir vernünftig zu kommunizieren, noch die Kinder im Alltag angemessen zu versorgen. Diesen Part hätte dann auf Dauer seine Mutter übernommen, die mir in herzlicher Abneigung verbunden war. In anderen Fällen habe ich unglückliche Kinder gesehen, die dann wegen Wechselmodell jeweils eine Woche lang endlose Wege in die Schule hatten und Nachmittags ihre Freumde Vermissten. Ich frage mich, warum in Fällen, in deine einer dringend das Wechselmodell will, nicht die Erwachsenen zum wöchentlichen Umziehen verpflichtet werden. Die Kinder könnten in ihrer gewohnten Umgebung bleiben und die Erwachsenen müssten sich verständigen.

    • Mein Ex hat in der Niederlande auch das WM eingeklagt und ist vorher in eine für mich unbekannte Stadt umgezogen. Die Kommunikation ist äußerst schlecht zwischen uns, da mein Narzisstischer Ex in seiner Ehre sich verletzt fühlt und nicht nur über unser gemeinsames Kind entscheiden will, sondern auch über mein Leben bestimmen möchte. Ich werde von defektiven überwacht und komme leider selbst bei der Polizei nicht diesbezüglich weiter. Wir leben mit meinem Kind seid über einem Jahr in der Niederlande, in einem Freizeitpark, da mein Sohn die niederländische Staatsbürgerschaft hat. Ich bekomme keinen Job, aufgrund der sprachlichen Barriere, keine Wohnung wegen meinem Aufenthaltstitel. Verstehe Sie mich nicht falsch, ich möchte niemanden schlecht machen. Ich suche nach Lösungen und mir ist aufgefallen, dass Sie in Ihrem Beitrag von Paragraphen sprechen die mir unbekannt waren. Wo kann ich mehr darüber nachlesen?

  9. wird eigentlich in der umsetzung des wechselmodells das alter des kindes berücksichtigt? also entwicklungspsychologische stadien (die ja wichtig sind was bindung/loyalität etc. angeht) oder werden alle kinder in einen topf geworfen? und noch was ich nicht verstehe: wenn ein elternteil nicht will, kann der andere doch das wechselmodell einklagen so habe ich das verstanden, aber dann passt doch ihrbsp. nicht mehr – das vom vater, der nicht will und nicht herangezogen werden kann? entschuldigug ich glaub ich steh grad auf dem schlauch :)

    (und noch was: das mit dem wegziehen dürfen des vaters und dem gleichzeitigen einverständnis das er der mutter im fall eines umzugs geben muss, ist schwer gerichtsabhängig. ich habe das am famge hier noch nie erlebt, dass das so ohne weiteres ging…..ich habe auch bei den gerichten der nachbarlandkreisen den eindruck da wird sehr auf gerechtigkeit geachtet.)

  10. Wechselmodell anzuordnen gegen den Willen (egal welchen Elternteils) ist doch ein Widerspruch, wenn die Eltern sich so gut verstehen und ein WM zu Stande kommt, ohne Gerichtsverfahren können die Kinder vielleicht davon profitieren, aber doch nicht gegen den Willen eines Elternteils. Kenne zwei Familien wo es gegen den Willen angeordnet wurde und die Kinder leiden sehr darunter. Die Kinder wurden in beiden mir bekannten Fällen nicht dazu befragt.

  11. Der Beschluss des BGH bezieht sich direkt und ausdrücklich auf die Anhörung der Kinder zum Wechselmodell. Die Intention dessen wird wohl kaum sein die Kinder dazu zwingen zu wollen, wenn diese es nicht möchten.

    Frau adler. Ich empfehle Kalkulation und Gegenüberstellung Unterhaltszahlung-Unterhaltskosten bei Wechselmodell. Hier wird unterstellt das Väter ausschließlich die Doppelresidenz wünschen um Geld zu sparen, andere Wechselmodelgegnerinnen dozieren das Wechselmodell kaum praktizierbar wäre, weil zu teuer……

    Hauptsache dagegen ;) Gründe finden sich immer, seien sie noch so paradox.

    In meinem Heimatland, auch in den Nachbarländern, wird das Wechselmodell dynamisch tendenziell und vor allem erfolgreich praktiziert von der überwiegenden Zahl der Trennungseltern. Zwar ist es im Gesetz als „vorrangige Betreungs-und Erziehungsalternative“ festgeschrieben (in deutlicher Fraktionsübergreifender parlamentarischer Mehrheit geschehen), aber ich erlebe hier niemanden der über diesen „Zwang“ unglücklich wäre. Im Gegenteil.
    Ich habe jeden Tag berufsbedingt mit Kindern zu tun und von Burn out gibt es keine Spur.
    14 tage bei Mamma, 14 Tage bei Papa, das soziale Umfeld meist beständig über den Monat.
    Und immer im Mittelpunkt und Abwechslung die Kinder lieben :))
    Weis nicht wie sich die Praxis vorstellen, Katja.

    Auch wenn das gar nicht gefällt, aber die Mehrheit der Trennungsväter möchte weitestgehende gleichberechtigte Erziehung und Betreung und selbstverständlich Versorgung der gemeinsamen Kinder auch nach Trennung.

    • Den letzten Absatz würde ich bestreiten. Warum zieht sich die Mehrheit der Trennungsväter denn zurück? Die alleinerziehenden Frauen könnten jemanden, der weitestgehend gleichberechtigt betreut und erzieht, bitter brauchen. Und die Kinder sowieso.

      Leider gibt es genau zu dieser – und durchaus wichtigen Frage – keine belastbaren Zahlen und auch keine Gründe. So lange bleibt dies alles Glaubens- und Filterblasenfrage.

      • Richtig. Es gibt für alles mögliche rund um die Thematik Trennungskinder Dutzende Umfragen, Studien und empirische Erhebung. Zu wesentlichem wie z.B. Wechselmodellbefürwortern/ Gegnern und da gern Begründungen, Geschlechtsspezifisch usw. leider nichts.
        Oder sollte man sagen merkwürdigerweise nichts.
        Denn inzwischen handelt es sich um eine Problematik die nicht unwesentlich die Gesellschaft berührt.
        Ist ähnlich bei den letzten Untersuchungen zu ausbleibendem Kindesunterhalt.
        Im Resümee der Umfrage der Bertelsmann Stiftung, auf die sich die diversen (populistischen)Kampagnen einiger Politiker stützten, hatte man lediglich am Schluss leicht verschämt festgestellt, das die Ursachen dazu nicht hinterfragt worden.
        Diese absolut wesentliche und für die meisten sehr Interessanten Fragen,blieben so mit im Dunklen, und reinen Vermutungen bzw. populistischen Schuldzuweisungen wurden Tür und Tor geöffnet.

        Eine Bundesweite Studie wie die Meinung „betroffener“ Elternteile zur Doppelresidenz ist, würde dem ganzen viel Dramatik nehmen und auch sonst viele Fragen beantworten und mehr klarstellen.

  12. Steile Forderung meinerseits: Der Staat sollte Wohnungen bauen für Geschiedene, damit jeder eine eigene Wohnung hat und wochenweise bei dem Kind einzieht! Mal unter uns: wer möchte denn gerne 2 Zuhause haben und wöchentlich mit Sack und Pack umziehen?!?! Ich kenne niemanden. Sogar Menschen, die „nur“ in ihr Wochenendhaus fahren sind oft genervt, weil dann wieder dieses da ist und überhaupt. Und das sind lediglich freiwillige Luxusprobleme. Meiner Meinung nach dient dem Kindeswohl einzig und allein das Nestmodell. Aber 1. wer kann sich das leisten. 2. dann würde es ja wirklich um das Kindeswohl gehen. Und das geht ja nun wirklich nicht!

  13. Das Gericht als Berufungsinstanz hört das Kind nicht.
    Nicht weil es nicht will, sondern weil das Kind bereits gehört wurde. Dies ist seinerzeit durch das Jugendamt geschehen. Die Antwort war Interpretationsbedürftig, jedoch nicht abgeneigt dem Wechselmodell gegenüber.

    Die Frage ob man das Wechselmodell gegen den Willen eines Elternteils, der das Kind nicht möchte und womöglich gar nicht liebt und es sich in seiner Betreuungszeit nur bequem macht, ist wohl eher rhetorisch gemeint. Ich würde niemandem mein Kind anvertrauen, der es nicht liebt und der gar keine Zeit mit dem Nachwuchs verbringen möchte.

    Der Sachverhalt war nun einmal eine ganz andere Konstellation: Da wollte ein Elterteil den hälftigen Umgang verhindern, aus welchen Gründen auch immer.
    Wer daraus eine Pflicht ableitet, der zieht dem Umkehrschluss akademisch-juristisch falsch und handelt bezüglich des Kindeswohls fahrlässig.
    So einfach ist das!

    • Hm – danke für die weiteren Erklärungen, wobei bei mir speziell die Auskunft, das Kind einst sei vom Jugendamt gehört worden, ein ungutes Gefühl hinterlässt. Da kommt es doch sehr darauf an, wie gefragt wird. Und wer da fragt.

      Und zum letzten Absatz – ich bin ja kein Jurist, ich hab’s einfach mal von Seiten der alleinerziehenden Frauen aus gedacht. Und es gibt einige, die mir schreiben, sie hätten gerne das Wechselmodell, aber der Vater will nicht, weil das nicht so gut in sein Leben passt. (Das Kind würde wollen.) Ich weiß nicht, wer da jetzt fahrlässiger handelt. Es ist komplex.

      • Es ist nicht so komplex.
        Es sind nur zwei Grundlegende unterschiedliche Fragen und Sachverhalte:
        Die erste Frage zum ersten Sachverhalt ist: Ist es klug, jemanden zu zwingen sich um ein Kind zu kümmern, der dies offensichtlich weder will noch kann.
        Diese Frage ist in der Regel mit einem klaren Nein zu beantworten. Wenn man die Folgen bedenkt steht am Ende der Gedankenkette entweder die Wandlung vom Saulus zum Paulus und es herrscht eitel Sonnenschein oder totale Resignation. Die Folge des letzteren sind materielle und emotionale Verwahrlosung bei allen Beteiligten und womöglich ein Entzug des Sorgerechts für beide Elternteile mit anschließender Unterbringung der Kinder in Pflegefamilien, Kinder- und Waisenhäusern.
        Ergebnis: Zwang ist nicht klug und birgt erhebliche Risiken für die Schwächsten.

        Der verhandelte Fall ist ja komplett entgegengesetzt. Da möchte ein Elternteil seine Aufgabe ausdrücklich wahrnehmen.
        Der andere verweigert dies.
        Und es wird ein langer Rechtsstreit durch den gesamten Instanzenzug durchgefochten um am Ende zu einem Hochrichterlichen Urteil zu kommen.
        Und ich finde das Urteil völlig in Ordnung. Jeder der Eltern hat das Recht und die Pflicht zur gemeinsamen Betreuung und Erziehung. Jedoch endet die Durchsetzung der Pflicht wohl regelmäßig in einem Phyrrussieg zu Lasten der Kurzen. Aber wenn sich jemand engagiert kann man es ihm nicht verweigern. Und das Wechselmodell ist super!

        Das wirklich schreckliche ist was ganz anderes: Da wird von beiden Seiten über Jahre an einem Kind herumgezerrt, das Kind wird von Richtern und Jugendamtsmitarbeitern befragt und muss sich womöglich für oder gegen ein Elternteil entscheiden.
        Wäre ich Richter, so würde ich die Erziehungsfähigkeit beider Eltern überprüfen lassen. Und BEIDEN einen kräftigen Tritt in den Allerwertesten zukommen lassen.

        Ich bin Vater von 3 Kindern, und meine Ex und ich praktizieren das Wechselmodell. Die Schulwege sind dann zwar einen halben Monat deutlich länger, aber es funktioniert. Der Kontakt zu Freunden ,zu den Freizeitaktivitäten…all das ist möglich. Und ja: meine Frau musste sich daran gewöhnen das ich einen anderen Erziehungstil habe und es in meinen vier Wänden anders zugeht als bei ihr. So ist das dann halt.
        Aber das ist kein Grund das Wechselmodell abzulehnen.

        Noch eine persönliche Anmerkung: Ich dürfte ihr Buch lesen. Es steht viel wahres drin, aber ich habe den Eindruck das sie keine wirklich positive Einstellung zu ihrer Lebenswirklichkeit entwickeln konnten. Alles hat so einen jammernden Unterton. Und sie fordern immer Unterstützung vom Staat. Der Staat hat aber nicht für die Entscheidung getroffen zu Heiraten, Mutter zu werden. Das sind ihre Entscheidungen gewesen und das was danach passiert ist waren die Folgen dieser Entscheidung. Nicht jammern sondern mehr anstrengen. Sie haben es doch gut erwischt.

        • Danke für die ausführliche Antwort, Markus – ich finde das wirklich interessant, denn genau solche Familien kenne ich nicht, und ich schätze den Austausch. Nur eins will ich doch gerne noch entgegensetzen: Ich strenge mich sehr an. Sehr, sehr. Zu schreiben, ich sollte mich mehr anstrengen, finde ich etwas unfein.

          • Das war gar nicht unfein gemeint und ich habe mich auch schlecht ausgedrückt. Entschuldigung dafür!
            Aber ich kann Ihnen sagen das der Weg zum jetzigen Status nicht ganz leicht war…Meine Ex kommuniziert auch nur über Email mit mir. Ich kann Ihnen gerne mal die Geschichte erzählen, aber in einem nichtöffentlichen Rahmen.

        • @ Markus
          Kurz zu Ihrem dritten Absatz. Der Lösungsansatz zu der von Ihnen dort angerissenen Problematik ist beim Cochemer Modell zu finden. Indirekt, oder eigentlich doch recht konkret bezieht sich die Europaratresolution 2079 zur Doppelresidenz darauf.
          Konsequente Verpflichtung zu Kooperation und Kommunikation! Verpflichtung gemeinsam Lösungen für das Kind zu finden. Mit Hilfe und zu Beginn im Beisein staatl. autorisierter Mediatoren. In einigen Ländern ist das gesetzlich verankert und verpflichtend nach Trennung.
          Da werden dann auch gleich eventueller Unterhalt verbindlich und unbürokratisch geregelt.
          Leichter Druck zusammen zuarbeiten und das Bewusstsein zu erwartender Konsequenzen/ Sanktionen hilft oft Wunder und das man Spielchen gar nicht erst versucht.

          • Ich bin ja dafür, bevor wir damit anfangen, erstmal massiven Druck beim Unterhalt aufzubauen. Das hilft den betroffenen Kindern mehr.

  14. Ich habe mir die Frage gestellt, ob ich es mitmachen würde, dass unsere Kinder in unserem Haus wohnen bleiben und dann eine Woche ich mit dort wohne, dann meinen Koffer packe und gehe und dann eine Woche der Vater mit den Kindern wohnt. Und meine Antwort lautet „Nein“. Wir kann man das dann dem Kind „zumuten“? Ich fände das Modell auch ideal, aber fühlt man sich da nicht total entwurzelt als Kind? Oder ist es eh schon schlimm, weil die Eltern sich getrennt haben, dass das dann auch nichts mehr ausmacht? Mich würde mal interessieren, was Erwachsene berichten, die als Kinder das Wechselmodell gelebt haben. Aber davon gibt es wahrscheinlich noch nicht viele.

    • Freunde von mir, mit einem Haus & zwei Kinder, haben sich gerade „im Guten“ getrennt & wollen genau dieses Modell versuchen. Kinder bleiben im Haus & in ihrer gewohnten Umgebung und die Eltern wechseln sich im Wochen-Rhythmus im Haus ab. Die andere Woche ist jeder in seiner eigenen kleinen Wohnung. Ich bin gespannt, ob das funktioniert. Momentan sind alle Beteiligten sehr optimistisch. Abgesehen von der finanziellen Belastung zweier Wohnungen – wie läuft das mit Wäsche waschen? Putzen? Essen im gemeinsamen Haus einkaufen…

      • Dazu gehört eine strenge Disziplin. So wie der eine Partner das Haus vorfindet, so muß er/sie es wieder verlassen. Das kann gut gehen.

    • Ich habe das Wechselmodel zwischen meinem achten und 16 Lebensjahr gelebt, was Mitte der 90er noch recht exotisch war. Aus Kindersicht kann ich es nicht empfehlen. Das ständige Umziehen mit dem ganzen Kram, der eben nicht doppelt angeschafft werden konnte (Schulsachen, Sportbeutel, Musikinstrument, aktuelles Buch etc) war eine riesen Belastung, zumal unsere Eltern mich und meine jüngere Schwester nicht mit dem Auto fahren wollten, um ein eventuelles Treffen mit dem/der Ex zu vermeiden. Also wurde alles mit in die Schule geschleppt. Was vergessen wurde, war eine Woche lang unerreichbar oder selbstständig zu besorgen (Nach einigen Umzügen auf beiden Seiten bedeutete das bis zu 60 min Fahrtweg mit den Öffentlichen – Spandau bis Zehlendorf, für die Berliner Leser). In beiden Wohnungen mussten wir uns ein Zimmer teilen, weil wir eben nur „halb“ dort zuhause waren – ich konnte mich nie irgendwo „ganz“ zuhause fühlen. Dazu eine dauernde Umstellung auf die unterschiedlichen Haushalte, was noch anstrengender wurde, als auf der einen Seite erst eine Stief- und dann eine Halbschwester dazu kamen, die beide die „ganzen“ Kinder des Haushaltes sein durften. Ich habe das Modell nur so lange gelebt, weil ich mich emotional erpresst gefühlt habe – eine Entscheidung für nur ein zuhause hätte eine Entscheidung GEGEN ein Elternteil bedeutet. Als ich es schlussendlich tat, bekam ich viele Monate lang die Entäuschung und Wut meiner Mutter zu spüren.
      Ich denke, meine Eltern hätten es durch mehr Kooperation mit uns und vor allem miteinander uns wesentlich angenehmer gestalten können. Gleichzeitig bin ich natürlich froh, zu beiden Elternteilen ein hervorragendes Verhältnis bewahrt zu haben; mein Vater hat wie ein Löwe um seinen Anteil an unserem Alltag gekämpft und wollte nie zu einem Wochenendvater degradiert werden (Finanziell hat er sich dadurch von meiner Mutter unabhängig gemacht, sicherlich ein wichtiger Aspekt.) Auch wenn ich sagen kann, dass ich eine schöne Kindheit hatte, knabbere ich bis heute an diesen Lebensumständen.

  15. Es gäbe soviel zu dem Thema zu sagen. Vom Pro/Contra zum Wechselmodell allgemein, bis hin zum sog. „Nestmodell“, von der Rolle der Gerichte/Anwälte/Gutachter etc., davon, wie getrennte Eltern ihre Verantwortung für die eigenen Kinder mitunter anscheinend lieber in fremde Hände geben, indem sie Gerichte mit der Klärung ihres Lebensmittelpunktes beauftragen. Aber auch zu den vielen Beispielen, in denen sich augenscheinlich EINES der Elternteile besonders unfair verhält, indem es den Kontakt zwischen dem anderen Elternteil und dem Kind verweigert, oder – was der verbreitetere und gleichzeitig kaum lösbare Fall sein dürfte – erst gar keinen weiteren Kontakt zum eigenen Kind wünscht! Nicht unerwähnt bleiben sollten natürlich auch die vielen Beispiele, wo Trennungen so gelingen, dass Eltern auch danach noch „genügend gut“ für ihre Kinder da sein können.

    Aber ich will mich nur kurz auf einen Deiner Schlusssätze im Artikel beziehen, liebe Christine:

    „Es kann doch nicht sein, dass Kinder zum Umgang mit dem Vater gezwungen werden, selbst wenn sie das nicht wollen, und dass Väter ein Wechselmodell erzwingen können, sie selbst aber zu gar nichts gezwungen werden können, nicht einmal per Gericht!?“

    Ich denke schon, dass es in manchen verfahrenen Situationen sinnvoll sein kann, Umgänge zwischen ET und Kind zumindest für eine gewisse Zeit „erzwingen“ zu können, um allen Beteiligten die Möglichkeit zu geben, wieder Vertrauen aufzubauen, zu einem neuen Verhältnis zueinander zu finden und insbesondere das Kind/die Kinder von der Last der eigenen Entscheidung zu befreien.
    Zum anderen sehe ich bisher nicht, und erst recht nicht in Verbindung mit dem neuen Urteil des BGH, dass Väter nun ein Wechselmodell besser „erzwingen“ könnten, – eher im Gegenteil.
    Und zum letzten – und zugleich tragischsten – Punkt: Nein, Eltern, die nichts (mehr) mit ihren Kindern zu tun haben wollen, kann niemand dazu zwingen. Sie sind vor dem Gesetz erwachsen.
    Und ganz manchmal kann es ja auch ein Zeichen von großer Stärke sein, dass ein ET sich entscheidet, das eigene Kind in Obhut zu geben (von wem auch immer), um es vor sich selbst zu schützen…

    • Und manchmal ist es einfach ein Zeichen von Feigheit und Überheblichkeit, wenn man beschließt, sich vom eigenen Kind fernzuhalten, weil man besseres zu tun habe. Und weil man sich nicht damit beschäftigen will, was das in dem Kind alles kaputtmacht. Nach ihm die Sintflut.

  16. Ich bin erstaunt, wie viele Leute das BGH Urteil diskutieren die es offenbar nicht gelesen haben. Der BGH hat lediglich klargestellt, dass nicht der Wille der Mutter, bzw des betreuenden Elternteiles entscheidend ist, sondern das Kindeswohl, und wenn ein Gericht ein Wechselmodell zu diskutieren hat, muss nun wieder über das Kind geredet werden, es kann sich nicht einfach darauf zurück ziehen dies nicht anordnen zu können. Dieses Urteil wird nicht zu massenweise erzwungenen Wechselmodellen führen, den der BGH stellt auch gleich die sachlichen Anforderungen klar. Ich habe darin weitgehend meinen Fall wiedererkannt. Gerichtlich attestierte gleiche Erziehungseignung, gemeinsames Sorgerecht, räumliche Nähe, voll ausgestattete Wohnung inkl der Kinderzimmer, Kommunikation mit der Mutter ist freundlich und zuvorkommend. Unsere Kinder wollen gleich viel Zeit mit uns beiden. Aber Wechselmodell will sie Mutter nicht. Und in genau solchen Fällen ist es gut, dass ein Gericht nun auch ein Wechselmodell anordnen kann.

  17. Die Sache mit der Kindesanhörung in diesem Fall war so:

    Das Kind wurde beim Jugendamt informell angehört und hat sich zumindest nicht prinzipiell negativ über die Möglichkeit eines Wechselmodells geäussert.

    Der Vater wollte, dass das Kind auch von den Gerichten angehört wird, und dass die Meinung des Kindes in den Entscheid für oder gegen die Anordnung eines Wechselmodells mit einfliesst.

    Die unteren gerichtlichen Instanzen haben aber die Anhörung des Kindes zum Thema Wechselmodell abgelehnt, mit der Begründung, dass ein Wechselmodell ja sowieso nicht gegen den Willen der Mutter angeordnet werden könne, und dass die Meinung des Kindes somit irrelevant sei.

    Der Bundesgerichtshof hat nun klargestellt, dass diese Argumentation so nicht in Ordnung ist. Es gibt keine Grundsatzregel, dass ein Wechselmodell nicht geht nur weil die Mutter das nicht will. Das Kind muss angehört werden.

    Aus der Pressemitteilung vom Bundesgerichtshof:

    „Das Familiengericht ist im Umgangsrechtsverfahren zu einer umfassenden Aufklärung verpflichtet, welche Form des Umgangs dem Kindeswohl am besten entspricht. Dies erfordert grundsätzlich auch die persönliche Anhörung des Kindes. Im vorliegenden Fall hatte das Oberlandesgericht eine persönliche Anhörung des Kindes nicht durchgeführt, weil es zu Unrecht davon ausgegangen war, dass eine auf ein Wechselmodell gerichtete Umgangsregelung nach der gesetzlichen Regelung nicht möglich sei. Das Verfahren ist daher zur Nachholung der Kindesanhörung und zur erneuten Entscheidung an das Oberlandesgericht zurückverwiesen worden.“

  18. Oft wird gegen das Wechselmodell argumentiert, dass die Mütter eine engere Bindung zum Kind haben. Dies mag während der bestehenden Partnerschaft so sein, oftmals stillschweigend und einverständlich gelebt oder tradiert. Bei einer Trennung kann so jedoch nicht argumentiert werden, denn die Grundlage des gelebten Miteinander ist nicht mehr gegeben. Eine Vorgabe des Wechselmodells als Standard wäre sehr sinnvoll. Dies zwingt Mann und Frau, vor der Zeugung darüber nachzudenken, ob dem Partner die Betreuung des gemeinsamen Kindes vollwertig zuzutrauen ist. Also Männer und Frauen, künftig mal vor dem Sex Kopf einschalten! Die Expartner, auf die ihr schimpft, habt ihr euch (wohlüberlegt?) als Elternteil eurer Kinder ausgewählt. Dahingehende Selbstkritik lese ich in Blogs, wie diesem leider nie. Leider.

    • Ich, als Autorin dieses Blogs, möchte dazu gerne folgendes sagen: mein Exmann hat unser erstes Kind tagsüber betreut, während ich wieder Vollzeit arbeiten war, als das Kind 3 Monate alt war. Und er hat das sehr gut gemacht, die Bindung zwischen Mann und Baby war eng. Ich hätte mir nach der Trennung auch ein Wechselmodell vorstellen können. Oder was auch immer, Hauptsache zum Wohle der Kinder. Aber das spielte für meinen Exmann keine Rolle mehr. Leider.

  19. Daher sind die Gedanken ausdrücklich an die Frauen und Männer gerichtet. Was, wenn jeder wüsste, das er die hälftige monetäre und betreuerische Verantwortung hätte, und eine Zuwiderhandlung als Vernachlässigung rechtlich geahndet würde. Gegner dessen, der nicht betreut, würde damit der Staat, nicht der Expartner. Eine Einigung des Elternpaares auf das traditionelle Modell Geld gegen Betreuung muss und soll natürlich möglich sein. Als Idee sollte es also genau entgegen der oft vertretenen Lesart sein: Eine frei gestaltbare Versorgung ist vorrangig möglich, im Konfliktfall greift automatisch das Wechselmodell. Es würde meiner Meinung nach das Denken der Gesellschaft tiefgreifend ändern, wenn jeder mal plakativ gesprochen wüsste, wer vögeln kann, der muss auch betreuen. Solche Überlegungen hätten gravierende Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt (mehr Teilzeit für Männer) Es ist zweifelhaft, ob dies politisch gewollt ist. Streitende, zerfallende Familien sind leicht zu manipulieren. Als Feind ist leicht der Expartner ausgemacht, der wahre Gegner bleibt unerkannt. Alle in’s Hamsterrad der Konsumspirale mit wenigen Gewinnern.

  20. @Nachdenklich, also ausgerechnet im Konfliktfall sollte ein sozusagen staatlich verordnetes WM greifen? Wo doch gerade dafür nach bisheriger und auch nach neuerer Lesart eine bestehende Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit der ET vorausgesetzt wird?
    Wer würde davon denn profitieren? Am Ende vielleicht sogar nur der Staat, weil sämtliche Kosten dafür auf die ET abgewälzt werden könnten? Ein WM ist ja schon wg. des doppelten Wohnraumes meist teurer für die Beteiligten als andere Modelle.
    Welche massenhaften Teilzeit-Jobs sollten das sein, die beiden ET eine solche Betreuungsaufteilung finanziell ermöglichen würden? Selbst bei noch so reduziertem Konsum?
    Und: Wo kommen in dieser Utopie die Kinder vor?
    Weiter oben hat Laura ja sehr eindrücklich beschrieben, welchen Stress das WM für Kinder bedeuten kann – durchaus bemerkenswert, wie lange sie das überhaupt mitgemacht hat, denn wieviele Kinder hätten sich da schon viel früher geweigert?
    Auch Deinen vorherigen Appell an alle Männer und Frauen, doch „vor den Zeugungen darüber nachzudenken…“ erscheint mir lebensfern, weil sich Menschen, Lebensverhältnisse, Einstellungen aber auch Rahmenbedingungen nun mal ändern – zum Glück, denn ohne Veränderung blieben ja auch Deine Ideen von vornherein komplett irrelevant.

  21. Tjaaa…die alleinerziehenden Mütter (und es waren nur Mütter), die ich so im Laufe meiner eigenen Alleinerzieherinnenkarriere kennenlernte, wären schon in Jubelstimmung herumgelaufen, wenn sich der Vater a) sich mehr als sporadisch an Absprachen gehalten hätte, b) sich mehr als höchst sporadisch für das Kind interessiert hätte. Belastbarer Partner, um dem Kind den Alltag gut zu gestalten, war sowieso keiner, von den Freuden des Wechselmodells ganz zu schweigen.
    Aber vielleicht haben sich die Zeiten (und Väter) geändert, mein Kind ist seit einigen Jahren volljährig.

  22. Also ehrlich gesagt wird mir Angst und Bang was da auf die kommende Frauengeneration noch zukommt. Wie wärs denn wenn man sich gleich vom Zeitpunkt der Zeugung an aufs Wechselmodell einigt? Immer schön 50 : 50. Ach das sieht die Natur nicht vor? Wir tragen das 10 Monate Kind aus, wir säugen es, und wenn es aus dem Gröbsten raus ist kommt der Vater und entreißt der Mutter den 13 jährigen Sohn (siehe Urteil)…eventuell nur damit er keinen Unterhalt mehr beisteuern muss. Hier sprechen die Zahlen aus der Bertelsmannstudie für sich, nach der 40 % der Männer ihrer Unterhaltsverpflichtung nicht voll nachkommen….. Es gibt sicherlich gute, empathische Männer, aber diese Art von Männern würden sicherlich nicht so handeln. Es gibt das WE, die Ferien, und nichts spricht dagegen dass der Vater mit seinem Kind auch unter der Woche etwas unternimmt. Wie sollen die Frauen außerdem mit mehreren Kindern ohne Unterhalt klarkommen….dies Modell eignet sich ohnehin sowieso nur für überdurchschnittlich gut verdienende Frauen. Und dann sollte man auch noch in fußläufiger Nähe zueinander wohnen. Der Rest rutscht durch diese Regelung in Harz 4 aufgrund fehlenden Unterhalts.

  23. Schön, dass die Diskussion etwas Fahrt aufnimmt. Um vorwärts zu kommen, muss man auch mal provozieren und die Gedanken etwas steil gehen lassen. Ganz klar sollten die Befindlichkeiten der Kinder berücksichtigt werden, insofern ist das WM nicht in jedem Fall geeignet. Was die Studien bezüglich der Unterhaltszahlung der Väter betrifft, diese berücksichtigen leider meistens nicht, dass viele Väter finanziell nicht in der Lage sind, den Unterhalt entsprechend aufzubringen. Aber das plakative Ergebnis passt so schön ins Bild. Nachdenklich macht mich, dass, wie hier im Kommentar, das Austragen und das Stillen der Kinder als eine besonders heroische Leistung der Mutter betrachtet wird. Das ist jedoch das Normalste und Natürlichste des Lebens, leider sind die Männer davon ausgeschlossen. Und wie sieht es aus, wenn dem Vater durch eine Trennung das Kind „entrissen“ wird und er sich gnädigerweise am Wochenende und in den Ferien kümmern darf? Es wird keine simplen Lösungen geben, man sollte aber auch das Undenkbare denken, um zum Ziel zu gelangen, als Anstoß für neue Ideen. Und dazu habe ich eine (natürlich provokative) Frage: Würde die Mehrzahl der Frauen einen Mann als Partner wählen, der vor der Familienplanung klar kommuniziert, dass er ab der Geburt des Kindes in allen Belangen (soweit nicht biologisch ausgeschlossen) genau zur Hälfte auf die Betreuung besteht und die Erwirtschaftung des Familieneinkommens ebenfalls hälftig erbracht werden soll? Das wäre doch mal eine repräsentative Umfrage von Bertelsmann wert. Ich bin sehr auf Antworten gespannt.

    • Nun, bei mir war das so. Mein Mann und ich haben beide gearbeitet und als das erste Kind kam, ging ich nach 3 Monaten wieder Vollzeit arbeiten. Er passte auf die Kleine auf und arbeitete von Zuhause. Wir haben das gemeinsam entschieden, weil ich das bessere Einkommen hatte. Es hängt halt doch viel am Geld. Als Familie musst du auch leben.

    • Hallo Herr Nachdenklich, von heroischer Leistung in Bezug auf ein Kind austragen und Stillen war nicht die Rede. Ich habe diese Tatsache einfach nur erwähnt und es ist Fakt, dass ein Frau auch schon zum Zeitpunkt der Geburt ungleich mehr Energie in Ihr Kind investiert hat als der Vater. Daraufhin folgt das erste Jahr, dass zwar sehr schön aber gleichzeitig auch sehr kräftezehrend ist. Es ist das Natürlichste und Normalste von der Welt, stellt aber dennoch eine Leistung dar. Symptomatisch erscheint mir, dass frau das nicht mal erwähnen darf. Ich argwöhne außerdem, würden Männer die Kinder gebären, dann hätten sie diesen Umstand ganz anders heroisiert.

  24. @Nachdenklich, ja, auch mal provozieren ist o.K., so verstehe ich im Grunde auch Christines Artikel hierzu. Aber m.E.n. ist das WM nicht nur „nicht in jedem Fall geeignet“, sondern tatsächlich nur in sehr wenigen bzw. unter sehr engen Voraussetzungen. Und dabei könnte man rein gedanklich sogar mal die finanziellen Belange außer acht lassen.
    Um also kurz auf Deine Frage einzugehen: In unserem Fall (Kind war übrigens geplant, d.h. Wunschkind von beiden KE, ebenso die paritätische Betreuung, sowie die gemeinsame Erwirtschaftung des Familieneinkommens – weil mir persönlich nicht nur ein präsenter Vater, sondern auch die eigene berufliche/finanzielle Unabhängigkeit schon immer wichtig waren) – kam die Trennung, als das Kind knapp 8 Jahre alt war.

    Und nur, weil wir ALLE es so wollten, und nur, weil der Vater eine Wohnung in unmittelbarer Nähe fand, und nur, weil wir uns im Trennungszusammenhang die beratende Unterstützung der EFB (Erziehungs- und Familienberatungsstelle) geholt hatten, und nur, weil wir uns dabei auch auf eine schriftliche Umgangsvereinbarung verständigt hatten, und nur, weil wir weiter in regelmäßigem Austausch (per Mail) zu den Belangen des Kindes standen, und nur, weil es uns gelungen ist, dabei die Paarebene von der Elternebene zu trennen, und nur, weil es für unser Kind auch so in Ordnung war und von ihm mitgetragen wurde – konnten wir das WM (im wöchentlichen Wechsel) auch wirklich umsetzen!
    Zumindest für die ersten 1,5 Jahre nach Trennung.

    Es würde zu weit führen, wenn ich jetzt auch noch auf die Gründe einginge, die uns schließlich doch übers sog. „Residenzmodell“ bis hin zu aktuell (Kind ist 14 J.) nur noch sporadischen Treffen zwischen Vater und Sohn gebracht haben, aber ich kann versichern, dass das liebe Geld dabei nur eine sehr untergeordnete Rolle gespielt hat. Ebenso habe ich als Mutter mich NIEMALS zwischen Vater und Sohn gestellt, denn wie gesagt, mir war und blieb es immer wichtig, dass unser Kind ein gutes Verhältnis zu BEIDEN Elternteilen haben kann. Heute weiß ich natürlich auch, dass das nicht unbedingt vom gewählten Betreuungsmodell abhängt – und behaupte dennoch, dass das WM für uns, eben unter unseren spezifischen Voraussetzungen damals, zumindest vorübergehend genau das richtige war!

  25. Liebe Christine,

    ich finde Deinen Umkehrschluss super! Ich hätte mir auch ein Wechselmodell vorstellen können 2009. Die ersten 2-3 Jahre hat der Vater meines großen Sohnes ihn noch alle 14 Tage geholt. Dann, nachdem er eine neue Frau kennengelernt hat war es nur noch 1 mal im Monat. In 2014 hat er ihn gar nicht geholt und seit 2015 holt er ihn 3-4 mal im Jahr in den Ferien. So ist ist das. Und wenn ich es könnte, würde ich den Vater dazu „verdonnern“, sein Kind weiter zu sehen, denn er hat Sehnsucht nach seinem Vater. Aber deswegen wurde das Unterhaltsgesetzt ja auch 2008 reformiert, damit die getrennten Partner wieder eine neue Familie gründen können und nicht so sehr mit den Unterhaltszahlungen an die Exfrau beschäftigt sind……….. Ja und das ist dann zum Kindeswohl.
    Hier war die Rede davon, dass Kinder kriegen ja Privatsache ist. Dies sagte Dir auch der Sprecher bei der Heute-Sendung, bei der Du interviewt wurdest Ende 2016 wegen dem Unterhaltsvorschuss. Ich muss da ganz tief durchatmen bei diesem Argument, ganz tief und ruhig bleiben. Was ist denn die Grundlage unserer Gesellschaft? Die Gesellschaft wird nur weiter bestehen, wenn Kinder geboren werden und somit sind meine, Deine und Euere Kinder auch nicht nur unsere Privatsache. Es ist längst selbtverständlich, dass der Staat Unternehmer und Reiche bei der Steuer entlasstet, Bauern supventioniert und Banken rettet. Aber als Alleinerziehende soll ich 20 Jahre durchackern, weil es meine Privatsache war? NEIN!
    Herzliche Grüße, Claire

  26. Das Urteil sehe ich auch mit sehr gemischten Gefühlen; der BGH stellt auch in dieser neuen Entscheidung nach wie vor das Kindeswohl ins Zentrum der Überlegung, aber gerade das geht ja in der Praxis so häufig schief, auch in dem Ausgangsfall: Das Gericht kapierts nicht, oder kann halt einfach nicht in den kleinen Menschen und sein Leben reinschauen.
    Bei mir gleiten Jugentämtlerinnen, Richter, Mediatoren fast sofort in eine reine Verhandlungsebene zwischen den Eltern ab, immer unausgesprochen die Folgerung, wenns für die Eltern passt, gehts auch für das Kind. Wechselmodell wird einem meistens als Heilbringer angeboten, das legt ja den Streit bei, weil 1:1 ist ja gerecht. Das ist sowas von falsch.
    Ich bin ein betroffener Vater, der „im Haus“ geblieben ist und die 4jährige Tochter dort leben lassen durfte. Aber erst nachdem ich die Mutter verklagen musste, leider. Nun haben wir einen gerichtlichen Vergleich mit unveränderten Lebensmittelpunkt, also bei mir (9:5 Übernachtungen), aber einer fast paritätischen Tagesbetreuung (7:7). Meine Kleine kommt immer öfter und bittet, Papa, bitte hol DU mich ab vom Kindergarten. Sie läuft weg wenn Mama sie bei mir abholen will, und ich bilde mir hoffentlich nur die Resigniertheit in ihrem Gesicht ein, wenn ich hilflos zuschaue wie sie wohin gebracht wird wo sie eigentlich gar nicht sein will. Ich hoffe wirklich dass ich mir das einbilde. Lächeln, immer lächeln, sorglos und Sicherheit vermitteln, alles gut, alles kein Problem. Ich fürchte Kinder sind klüger als das. Aber Kinder sind machtlos, und ein Elternteil alleine auch, vor allem wenn es der Vater ist. Gemessen an dem was ich höre und lese, bin „ich“ noch ein Glückspilz, hätte viel schlimmer sein können. Leider hilft das meiner Tochter auch nicht. Ich wäre so dankbar wenn ich falsch liegen würde und sie bei Mama genauso glücklich wäre, gleichzeitig fürchte ich, das ich mir sowas nur einrede.

    • Lieber Solarmon,

      danke fürs Erzählen. Ich finde es auch eine fast nicht zu bewältigende Herausforderung, den Kindern lächelnd Sicherheit zu bieten, wenn sich alles so schwierig anfühlt. Authentisch sein, das sollen wir Eltern, aber die Kinder auch nicht mit Elternsorgen belasten. Tja – und was, wenn diese Sorgen eben nicht „selbstgemacht“ sind und durch systemische Umstände feststehen? Dann kann man nur versuchen, sich zu arrangieren, genauso wie du es tust. Und ich auch, wenn auch mit anderen Sorgen.

      Viele Grüße und alles Gute!

  27. Liebe Christine,
    Deine Überlegungen mit Umkehrschluss nach dem BGH Urteil hatte ich auch sofort!

    Kurze Anmerkung zur fehlenden Kindesanhörung: das OLG holt nie selbst die Fehler der Vorinstanz nach sondern verweist zurück, in dem es dem AG mitteilt, sie müssen die Kindesanhörung nachholen. Also die fällt hier nicht flach, sondern muss nur von der Ausgangsinstanz „repariert“ werden.

    Zum Rest: BGH Urteil Anordnung des WM gegen den Willen eines Elternteils:
    Ich halte deine Fallkonstellation: Hauptbetreuende will WM um selbst mehr arbeiten zu können und die Betreuungslast (die ja nicht entlohnt wird) nicht mehr alleine tragen zu müssen für die sehr viel häufigere, denn der BGH ging ja dovon aus, dass das WM gegen den Willen eines Elternteils nur dann durchgesetzt werden kann, wen die noch nicht komplett zerstritten sind.

    (Was ja eh die Frage ist, wenn man schon vor dem BGH landet, ob man dann nicht die schlimmst zerstrittene Stufe erreicht hat).

    Im Falle, dass der Hauptbetreuende gegen seinen Willen gezwungen wird, kann man von zig Rechtstreits vorher ausgehen.
    Im Falle, dass der Hauptbetreuende allerdings das WM will und Entlastung will, kann man eher davon ausgehen, dass sich der andere „nur“ einfach ohne Streit davongestohlen hat….
    Also ist im letzten Fall die Kommunikationsbasis sicher viel einfacher und das Streitniveau sehr viel geringer, denn es gab ja mal das alte BVerfGE Urteil, welches du ansprichst, dass eben der Umgangsberechtigte Kindsvater nicht zu mehr Umgang durch gezwungen werden könne, weder vom Kind noch vom Hauptbetreuenden.

    Hierfür führte das BVerfGE an, dass erzwungener Kontakt nicht im Kindeswohl sei und daher nicht einklagbar.

    Diesen Gedanken kann man jetzt aber weiterführen:
    Wird der Hauptbetreuende zu mehr nicht bezahlter Care – Arbeit genötigt, als er möchte (nämlich genau Hälftig und nicht mehr) muss dies doch genauso gelten? Erzwungener Kontakt gegen den Willen ist nicht im Kindeswohl?

    Hat man jetzt einen Hauptbetreuenden der nur die Hälfte der unbezahlten und nicht gewürdigten Care Arbeit leisten möchte, müsste man diesen zur zweiten Hälfte zwingen, ändert man nichts und wendet das Urteil nicht auch auf solche Fälle an.
    Wendet man es an, muss man dann den Umgangselternteil zwingen (was in sehr vielen Fällen so sein wird, wenn man sich die Statistiken ansieht).

    Hier muss man sich die Frage stellen: Wenn man Kinder in die Welt setzt, kann man dann gezwungen werden, sich um diese dann wenigstens hälftig zu kümmern?

    Da würde ich deutlich ja sagen, wenn umgekehrt einem kümmerungswilligen Elternteil von BGH Urteil wegen das Kind einfach plötzlich hälftig umgesiedelt werden kann.

    Man muss sich hier ja auch fragen: wie kam es dazu, dass das Kind fast voll bei einem betreut wurde? Wären beide hier paritätisch ab Geburt betreuende gewesen, würde sich dieser Fall gar nicht stellen.
    Warum sollte die mal einvernehmlich (oder weniger einvernehmlich) eingebürgerte und fürs Kind Sicherheit bietende gewohnte Betreuungsform seit dessen Geburt, per BGH Urteil ab der Trennung – wo das Kind zusätzliche Sicherheit und Kontinuität bräuchte, weil es ja schon die Trennung verarbeiten muss – plötzlich entgegen den Willen eines der beiden Elternteile radikal umgestürzt werden können?

    Warum will plötzlich der Elternteil, der sich vorher ganz offenbar wenig drum kümmerte und die ganze unbezahlte Care Arbeit und (oft nicht wieder gut machbare) Job nachteile dem anderen aufgelastet hat, plötzlich alles zusätzlich zur Trennung umändern?
    Geht es da vielleicht drum, keinen Kindesunterhalt zu zahlen? diesen Vorteil hat er jedenfalls.

  28. Habe ich das richtig verstanden, dass erklärt wird, dass das Kind in der Regel der Mutter zur Obhut übergeben wird, ob diese nun will oder nicht? Und eigentlich will sie vielfach auch nicht wirklich?
    Dann wäre die Lösung ja einfach. Wenn eine Mutter das Wechselmodel ablehnt, sollte geprüft (und allenfalls angeordnet) werden, ob die Obhut zum Vater wechseln könnte. Dann hätte die Mutter mehr Freiheit, die Kinder wären in der gleichen Situation wie bisher (Wochenend-Elternteil), und der Vater hätte den erwünschten Umgang.
    Wenn es so ist, wie hier immer wieder angetönt, dass Väter sich um die Verantwortung drücken, dann wäre damit die Situation geklärt, es bliebe alles beim alten. Ist es aber so, wie ich es erwarte, würde das Wechselmodel plötzlich etwas ernsthafter und mit mehr Goodwill geprüft als Kompromiss zwischen zwei Elternteilen – zum Wohle des Kindes.

    • Ich bin nicht sicher, ob ich diesen Kommentar verstehe. Das Aufenthaltsbestimmungsrecht (das meinst du wohl mit Obhut?) bekommt das Elternteil, das das Kind bis zur Trennung hauptsächlich betreut hat. Vom Stundenumfang her. Und das ist halt bei uns – leider, wenn du mich fragst – die Mutter. Der Gesetzgeber unterscheidet da nicht nach Geschlecht, es geht rein um die Zeit und den Lebensmittelpunkt, der erhalten werden soll.

      • Das heisst also, die Mutter bekommt das Kind. Obwohl sie eigentlich gar nicht möchte. Und auch wenn der Vater bereit wäre, das Kind zu sich zu nehmen?
        Ich kenne ja nur die Verhältnisse in der Schweiz. Und da hat die Zuteilung der Obhut, heisst da so, sehr viel mit dem Geschlecht zu tun. Und mancher Vater wäre im Streitfall froh, er könnte das Kind zu sich nehmen, wenn es doch für die Mutter vor allem Belastung darstellt (aber einverstanden, viele Väter wären dazu auch nicht bereit).

  29. Ja, es sollte eine Beratungsform geben, bei der es das Ziel ist, auch auf bisher betreuungsunwillige Elternteile einzuwirken.

    Also z.B.:
    Ein hauptsächlich betreuender Vater (weg mit dem Begriff „Alleinerziehend“)
    will die bisher betreuungsunwillige oder nicht in vollem Ausmaß betreuungsfähige Mutter zur Betreuung der Kinder heranziehen => Beratung durch das Jugendamt, mit dem Ziel, diese herzustellen.
    In der weiteren Folge halte ich es allerdings für unwahrscheinlich, daß ein Vater die Kinder an eine Mutter zur Betreuung geben will, die das anhaltend ableht, oder dazu trotz bereitgestellter Hilfen nicht in der Lage ist.
    Wird die Gewichtung von Betreuungsanteil (auch Unterhalt) und Unterhalt irgendwann einmal in der Gesetzgebung als gleichwertig anerkannt,
    hat dieser Elternteil natürlich die volle Last des Barunterhalts zu tragen.
    Bisher ist es so, daß der Unterhaltszahler trotz eines hohen Betreuungsanteils den Barunterhalt in voller Höhe zu tragen hat.

  30. Hallo,
    Ich hoffe, sie äußern das nicht in dem Sinne einer „Aufrechnung“ von Nachteiligem und Vorteiligem. Diese Haltung habe ich in Umgangsstreitigkeiten vielfach erlebt.
    Da wird garnichts gegönnt und gefeilscht was das Zeug hält.
    Dann bin ich bei ihnen. Ja, der Druck auf sich entziehende Väter und Mütter sollte steigen.
    Benennt Umgangsrecht in Umgangspflicht um und Sorgerecht in Sorgepflicht.
    Und das Wechselmodel in Deutschland könnte den Rest leisten.
    Wenns erstmal Gang und Gäbe ist, daß Trennungseltern die Kinderbetreuung GEMEINSAM leisten, wird sich ein Elternteil, der das nicht unterstützt ein paar Fragen gefallen lassen müssen…..
    Mehr werden sie nicht erreichen. Denn alles andere würde gegen das Grundgesetz verstoßen.
    Im übrigen sollten sie sich darüber im Klaren sein, daß die jetzige Unterhaltsgesetzgebung dann massive Änderungen erfahren wird. Ein Elternteil, der das Wechselmodell nicht in einer 50:50 Regelung praktiziert, trägt trotz eines hohen Anteils an der Kinderbetreuung und der Kosten dafür die Vollast des Barunterhalts der Kinder (Es sei denn, die Eltern vereinbaren etwas anderes freiwillig). Leistet den Unterhalt nach jetziger Gesetzgebung also doppelt.
    Rein moralisch gesehen würde ich aber jedem -vor allem jungen- Vätern die Meinung blasen, wenn sie sich nicht um ihre Kinder kümmern. Oft brauchts dazu nur einen Anstoß. Die Bindungsenergie, die Kinder entwickeln ist dermaßen stark, daß es jedes Ordnungsgeld und jede Haftandrohung bei weitem in den Schatten stellt.

  31. Und bevor ichs vergesse :

    Ich weiß nicht, wie denkende Menschen immer noch auf die Idee kommen können, das Wechselmodell könne dazu verhelfen, Unterhalt „einzusparen“
    Während die Kinder bei ihrem Elternteil sind muß dieser selbstverständlich :
    – für ihren Lebensunterhalt aufkommen
    – eine passende Wohnsituation schaffen und bezahlen
    – die Kinderbetreuung leisten
    Das ist Unterhalt !
    Im Residenzmodell ist der „Alleinerziehende“ übrigens auch unterhaltspflichtig. Nur eben nicht barunterhaltspflichtig, sondern Naturalunterhaltspflichtig.

    Wer also auf die Idee verfällt, das Wechselmodell könne ein Unterhaltssparmodell sein, wird böse aufwachen…..

  32. Hallo zusammen,

    ich habe sehr interessiert eure Kommentare und Diskussionen gelesen. In meinem Verwandten- und Bekanntenkreis werden verschiedene Lösungen gelebt. In einem Fall wurden sogar die Großeltern miteinbezogen, damit es dem Kind gut geht. Vielleicht auch eine denkbare Variante, um dem Kind aus Sicht des Kindeswohls den ständigen Streit zu ersparen und eine geeignete Ausweichmöglichkeit zu bieten. Zumindest klappt diese Variante bis zum Eintritt in die Schule.

    Auch ist es leider so, dass die Eltern keine Kooperations- und Kommunikationsbereitschaft zeigen oder entwickeln wollen. Die Gründe mögen in den über Jahre entwickelten Vorbehalte des Expartners liegen.
    Wichtig ist in jedem Fall, dass dem Kind ab einem bestimmten Alter ein Mitspracherecht eingeräumt werden sollte, in dem es die Situation versteht. Und die Entscheidung des Kindes sollte dann auch respektiert werden, und von Zeit zu Zeit den Alters- und Lebensumständen des Kindes angepasst werden.
    Im oben angedeuteten Fall hat sich das betroffene Kind für einen Aufenthalt bei den Großeltern entschieden, weil diese einen entscheidenden positiven Einfluss auf das Kind hatten. Und dem Kind / jungen Erwachsenen geht es gut. Die Eltern verstehen sich nach wie vor beide schlecht.
    Vielleicht ist es gut, wenn eine dritte Person mit einbezogen wird, zu dem Das betroffene Kind eine gute Beziehung hat.
    Sicher wird der Sachverhalt schwieriger, wenn mehrere Kinder betroffen sind. Vielleicht ist eine Teilung der Erziehungsberechtigung sinnvoll. Wenn die Eltern vier Kinder haben, bekommt jeder zwei (das ist nur ein Gedankenspiel, aber machbar). Somit bekommt jeder einen Teil seiner Verantwortung als Elternteil. Und die Lebensumstände müssen die Eltern einrichten….

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