Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Doktorvater

Bei mir war’s eine Doktormutter, sie war mit Ende 40 relativ jung für eine Professorin, sie war extrem ehrgeizig, und sie war vor allem kompetent. Nie hätte sie mich gefragt, ob ich ihr Hiwi (wissenschaftliche Hilfskraft) sein möchte, wenn ich nicht gleich im ersten Semester, wie von der Studienberatung empfohlen, das Proseminar „Wissenschaftliches Arbeiten“ belegt und erfolgreich abgeschlossen hätte – und dass dem so war, sah sie an der Art und Weise wie ich die kniffeligen Aufgaben in Altenglisch löste, die sie uns allwöchentlich als Hausaufgaben stellte.

Magisterurkunde Mama arbeitet
Magisterurkunde Mama arbeitet

Es war 1986, als ich an die Uni Freiburg kam und von Tuten und Blasen keine Ahnung hatte. Aber gleich nach einem Semester war mir klar, dass Zitate als solche zu kennzeichnen sind und wie dies zu geschehen hat, um obendrein paraphrasierte (umgeschriebene) Inhalte von eigenen Gedanken und Thesen sauber zu unterscheiden. Niemand kann mir erzählen, dass das an irgendeiner Uni in Deutschland anders ist oder war – allem Föderalismus und universitären Unterschieden zum Trotz.

Wie erwirbt man den Doktortitel?

Die Unterschiede sind groß: An der einen Fakultät kann man ohne einen Magister gemacht zu haben, im Durchmarsch promoviert werden, also eine Doktorarbeit schreiben und so den Titel erwerben. Mancherorts muss man die Doktorarbeit in einer mündlichen Prüfung verteidigen, in der sogenannten Disputation. An anderen Universtäten reicht es, die Dissertation einfach einzureichen und abgesegnet zu bekommen, und schon hat man den Titel. So kann es also kommen, dass ein Mensch in Deutschland einen Doktortitel trägt, der weder eine Magisterprüfung abgelegt hat noch jemals vor einer Kommission von Professoren beweisen musste, dass er tatsächlich geeignet ist, wissenschaftlich zu arbeiten. Ist das nicht krass?

So war das bei mir: Erst Magisterprüfung, dann Verteidigung der Diss

In meinem Fall war’s so, dass ich nicht nur drei schriftliche und mündliche Magisterprüfungen abgelegt habe, nämlich in allen meinen drei Studienfächern, sondern nach 5 Jahren des Promovierens, während derer ich als Assistentin an der Humbolt-Uni zu Berlin angestellt war, eine Verteidigung der Doktorarbeit leisten musste. Das war der stressigste Tag in meinem Leben. Ich wurde von einer 7-köpfigen Kommission 90 Minuten lang gelöchert, nachdem ich eine Kurzfassung meiner Thesen vorgetragen hatte.

Die Hälfte der Kommission war finster entschlossen, mich möglichst schlecht aussehen zu lassen, weil es sich um alte Ost-Profs handelte, also Universitätslehrer, die schon zu DDR-Zeiten am Institut für Anglistik gelehrt hatten. Sie fanden es total daneben, dass so ein junger blonder Hüpfer wie ich den Doktortitel erhalten sollte, und noch schlimmer war die Tatsache, dass meine Doktormutter und Chefin den Posten der Vizepräsidentin der HU innehatte, was sie ihr als westdeutscher Frau zutiefst verübelten.

Meine schriftliche Dissertation war vorher von einer institutsfremden Gutachterin kritisch geprüft worden und mit 1-2 benotet worden, ich wusste also, dass ich praktisch nicht mehr durchfallen konnte. Es ging nun „nur“ noch um die Gesamtnote. Aber bei Totalversagen wäre ich durchgefallen und 5 Jahre Arbeit umsonst gewesen – das soll schon vorgekommen sein. Mein Blutdruck war auf gefühlten 200 und ich hatte Durchfall vor Angst, als ich in diese Prüfung ging. Während der Fragerei scherzte ein Professor, dass nun die „Inquisition“ beginne, und genau so kam es mir vor. Es flog ein Flugzeug durch meinen Kopf – ich schätze, das war eine Druckwelle.

Dann war es endlich vorbei, und ich musste vor der Türe des holzgetäfelten, muffigen Prüfungssaales auf das Ergebnis der Beratung der Kommission warten. Das waren die längsten 15 Minuten meines Lebens. Als ich wieder eintreten durfte, wurde mir verkündet, dass ich in der mündlichen Prüfung eine 2-3 erhalten hatte, und also mit magna cum laude nach Hause ziehen durfte – aber das auch nur vorläufig, denn den Doktortitel offiziell führen durfte ich erst nach Drucklegung der Arbeit als Buch im Peter Lang Verlag.

Fazit: Wer hat denn nun Schuld an dem Schlamassel?

Veröffentlichte Doktorarbeit im Peter Lang Verlag
Veröffentlichte Doktorarbeit im Peter Lang Verlag

Warum ich das alles erzähle? Weil ich es richtig finde, dass Politikern der Doktortitel aberkannt wird, wenn sich herausstellt, dass ihre Arbeiten den wissenschaftlichen Standards nicht genügen. Und ich meine auch, dass so eine Täuschung oder Dummheit nicht verjähren darf. Für den betreuenden Doktorvater ist so ein Vorgang unglaublich blamabel, und ihn trifft in meinen Augen die Hauptschuld. Es ist sein Job, zu verhindern, dass eine Dissertation einer seiner Studierenden inhaltlich wie formell den Ansprüchen nicht genügt. Das darf einfach nicht passieren.

Das größte Rätsel aber bleibt für mich, wie ein Doktorand nicht merken kann, dass seine Zitierpraxis „schlampig“, also inkorrekt ist. Das ist Grundstudium. Setzen, Null Punkte.

 

Linktipp in der Süddeutschen Zeitung:

Die Rolle der Uni im Fall Schavan

 

Linktipp innerhalb des Blogs:

Referenzen

Die Seele reist noch hinterher

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Doctorate seem to be now "cheap" | Life of MattesSebastianMattesAnika Letzte Kommentartoren
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Anika
Gast
Anika

Da bin ich ganz deiner Meinung. Wenn ich mir überlege, wie viel Zeit, Schweiß und Nervenzusammenbrüche ich schon seit Jahren in meine Diss stecken. Und ein Ende ist nicht in Sicht.

Mattes
Gast
Mattes

Auf den Post habe ich ja gewartet, als das mit dem aberkannten Doktortitel rumging. Bin da auf jeden Fall Deiner Meinung!
Bin mal gespannt, wen es aus der Politik noch so erwischen wird. Und ich hoffe, dass den „Möglichmachern“ solcher Betrügereien jetzt klar ist, dass man sie noch nach Jahren dafür drankriegen kann!

LG,
Mattes

Sebastian
Gast
Sebastian

Mir stellt sich grundsätzlich die Frage, wie viele Doktorarbeiten ihren Namen nicht verdienen. Nur weil jemand heute Politiker ist, muss er „damals“ doch nicht bevorzugt worden sein, dennoch finde ich es falsch, derzeit alle Politiker unter Generalverdacht zu stellen – schließlich ist ein „Dr.“ keine Voraussetzung für den Job – dann sollte man alle „Dr.“ überprüfen, oder nicht? Das ist natürlich weder wünschenswert noch praktisch durchführbar.

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