In einer fremden Wohnung sein – Ferien mit Kindern

Die Wohnungsbesitzerin ist nicht da, aber sie ist doch anwesend. Ich sitze auf ihrem Stuhl, ich liege auf ihrem Sofa und kuschele mich in ihre Wolldecke, ich schlafe im Hochbett ihrer Kinder, ich trinke aus ihren Tassen und schaue aus ihrem Fenster.

Bevor sie zurückkommt werde ich den Wohnzimmertisch wieder in die ursprüngliche Position bringen, denn nichts ist lästiger als Gäste, die die Möbel umstellen, aber für mich war das nicht richtig so, ich muss rausgucken, wenn ich schreibe und esse. Ich denke, sie hätte nichts dagegen, dass ich den Tisch umdrehe, solange er hinterher wieder so dassteht wie vorher, zumindest würde mir das so gehen.

Sie hat mich eingeladen, 12 Tage in ihrer Wohnung zu verbringen, obwohl wir uns nicht besonders gut kennen. Eher flüchtig eigentlich, vom Lesen, aus dem Internet, und von zwei persönlichen Begegnungen auf Konferenzen, bei denen ich offenbar keinen nachteiligen Eindruck hinterlassen habe, aber ob es ein guter Eindruck war, hätte ich auch nicht sagen können. Als die Frage im Facebook-Chat kam, ob ich während ihrer Ferien die Wohnung in Berlin hüten wolle, war ich erstaunt, und ich bat mir Bedenkzeit aus, die ich am nächsten Tag gleich revidierte – was für eine Frage, natürlich wollte ich!

  • Dielenboden
  • Gasherd
  • Siegessäule

Und dann kamen wir an. Nach 12 Stunden Autofahrt, einer Nacht im Hotel, mit all unseren Taschen, und frühstückten zusammen. “Hier ist der Biomüll, und da der gelbe Sack, und den Milchaufschäumer jedes Mal nach dem Gebrauch auswaschen”, und noch ein paar Sachen, eigentlich war es ganz unkompliziert, und dann waren wir alleine in der fremden Wohnung.

Die Wohnung hat offene Flügeltüren und Dielenboden, was meine Kinder lieben. Sie sind nie weit weg von mir. Aber wenn wir wieder nach Hause kommen, wissen sie, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, einen Fahrstuhl zu haben und eine Tiefgarage unterm Haus. Sie werden es dann ausgiebig genossen haben, sich hier in ein eigenes Zimmer zurückziehen zu können, was bei uns Daheim nicht drin ist, und ich habe allabendlich beim Kochen auf dem Gasherd an meine längst verstorbene Oma gedacht, was schön ist und auch ein bisschen traurig.

Wir haben auf fremden Stühlen gesessen, ohne in einem Hotel oder bei Verwandten zu sein. Bei den einen bezahlt man, bei den anderen muss man sich unterordnen. Hier war das anders: Es war Großzügigkeit, einfache und von Herzen kommende. Ich weiß nicht, ob meine Kinder sie spüren, aber ich tue das.

Denn seine Wohnung einem mehr oder weniger fremden Menschen und dessen Kindern zu überlassen, ist schon eine Mutprobe, ein Vertrauensbeweis. Ich gucke nicht in jede Schublade, aber ich könnte es. Ich gieße die Blumen, ich lebe ein Stück weit das Leben der Frau, der diese Wohnung gehört, und dann auch wiederum nicht, denn hier in der Wohnung ist ja nur ihre Behausung, ihre Hülle, die Dinge, mit denen sie sich umgibt.

So ein Wohnungstauschdings (genau genommen haben wir nicht getauscht, ich dachte immer, meine Wohnung sei nicht gut genug) ist eine gute Grenzerfahrung. Jemand macht seine Tür auf und lässt dich rein. Es fühlt sich an wie Umarmtwerden, aber ganz vorsichtig. Und es ist trotzdem etwas sehr Intimes.

Wir sind also seit 10 Tagen hier. Die Kinder sagen “Wir fahren nach Hause”, wenn wir von unseren Ausflügen heimkehren, der Sohn hat seinen Internetfreund zum echten Freund gemacht und jeden Tag getroffen, und ich kenne inzwischen dessen Mutter und Schwester und bin voller Liebe für das Internet, weil es auch für meinen Sohn ein guter Ort ist.

Ulkigerweise heißt das W-Lan in dieser Wohnung “Das Internet liebt Dich!” und das Passwort hat was mit Liebe zu tun. Und irgendwie passt das alles sehr gut.

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4 Kommentare auf "In einer fremden Wohnung sein – Ferien mit Kindern"

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Maximilian Buddenbohm
Gast

Kenne ich :-)

Hendrik
Gast

Wir machen seit letzten Jahr Haustausch und hatten bislang zwei großartige, kostenlose Urlaube… daran erinnerte mich der text gerade ;-)

Liebe Grüße

Hendrik

Paula
Gast

Wie großzügig. Ich kann das Wohlgefühl gut nachvollziehen, weil es uns auch einmal widerfahren ist. Wir konnten uns (Mann, Frau, Kind) damals nicht einmal einen einwöchigen Urlaub an der Ostsee leisten, woraufhin mir eine liebe Kollegin ihre Ferienwohnung direkt am Travemünder Kurpark mit Blick aufs Meer kostenlos zur Verfügung stellte. Selbst das verstaubte Mobiliar aus dem vorigen Jahrhundert störte uns nicht sonderlich, und die “Ostseesteine” in einer Bonbonniere schmeckten köstlich. Dafür bin ich ihr heute noch dankbar.

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