Bullerbü im sozialen Wohnungsbau

Mein Nachbar Janusz* klingelt. Wenn er bei mir vor der Türe steht, dann braucht er meistens Hilfe bei Formularen und Papierkrams. Der Mann ist das, was man herkömmlich unter einem ganzen Kerl versteht, stramme Muskeln und ein “Don’t mess with me” Gesicht.

“Na, Janusz, was gibt’s?”, frage ich, und schiebe gleich “Kann ich dir bei irgendwas helfen?” hinterher, denn zum Schwätzchen halten kommt Janusz nie vorbei. Vorsichtig fragt mein Nachbar mich, ob ich für eine Bekannte von ihm einen Brief schreiben könnte, sie hätte ihn gefragt, und nun wisse er nicht, ob er das gut genug hinbekomme… “Klar”, sage ich, “Komm rein.”

sozialer wohnungsbau winter

Zusammen mit Janusz schreibe ich einen Brief, er staunt, wie schnell ich tippen kann, und ich sage, “Ach, das ist halt mein Beruf!”, und genau so ist es ja. Wenn er ein verstopftes Klo hätte und ich Klempner wäre, würde er mich ja wohl auch um Hilfe bitten. So wie ich meinen muskulösen Nachbarn fragen würde, ob er mir hilft, wenn ein Regal aufzuhängen ist oder etwas schweres zu tragen.

Weil Janusz keinen Drucker hat, gehen wir gemeinsam in meinen Keller, wo ich den Laserdrucker aufbewahre, und ich drucke ihm zwei Exemplare des Briefs aus. Er bedankt sich sehr, was gar nicht nötig ist, und ich freue mich, weil ich helfen konnte.

Das war vorgestern, und es ist sehr, sehr typisch für unser Haus. Hier wohnen 11 Familien aus 5 Nationalitäten, alle haben Kinder (5 Parteien sind alleinerziehend!), und alle haben einen Wohnberechtigungsschein. Insgesamt sind wir eine Wohnanlage mit 110 Wohnungen, von denen alle staatlich gefördert sind. Früher, bis 2001, hieß das “sozialer Wohnungsbau”, und weil man diesen Namen kennt, habe ich ihn für die Überschrift gewählt. Heute heißt das Ganze korrekt “soziale Wohnraumförderung”, und bedeutet genauso wie früher, dass der Staat Fördermittel zur Verfügung stellt, um Personen, die keinen angemessenen Wohnraum anmieten können, welchen zur Verfügung zu stellen.

Das tolle ist, dass die Mieten dabei für eine festgelegte Zeitspanne, bei uns 15 Jahre lang, preisgebunden und äußerst günstig sind. So zahle ich für meine Wohnung im teuren Konstanz nur 5 € pro Quadratmeter kalt, das ist sensationell, hier sind Kaltmieten in doppelter Höhe normal und alles drüber ist auch nicht unüblich, wenn die Ausstattung und Lage gut sind. Es gibt “Töpfe” vom Staat für diesen sozial geförderten Wohnraum, und die jeweilige Kommune muss sich frühzeitig kümmern, will sie nicht leer ausgehen – denn diese Fördermittel sind gedeckelt, also nicht unendlich abrufbar.

sozialer wohnungsbau sommer

Man muss nicht unbedingt arm sein, um im sozial geförderten Wohnraum zu leben, aber einen Wohnberechtigungsschein muss man haben – und für den sind die Grenzen relativ lax: Ich habe meinen beantragt und bewilligt bekommen, als ich noch ein sehr hohes Arbeitslosengeld erhielt (2.000 € im Monat), viel Unterhalt bekam (1.500 € im Monat) und obendrein das Kindergeld hatte (558 € im Monat). Das liegt daran, dass ich alleine drei Kinder versorge, aber auch für “normale Familien” ist das eine durchaus erreichbare Sache. Es ist auch kein Hexenwerk, den Wohnberechtigungsschein zu beantragen, ich kann nur jedem dazu raten, denn dann stehen einem Wohnungsmärkte offen, an die man sonst gar nicht herankommt.

Hier in der Wohnanlage, die unsere städtische Wohnbaugesellschaft gebaut hat, sind Verkäufer, Maler, Architektinnen, Steuerfachangestellte, Krankenschwestern, Servierkräfte, Sozialarbeiter – die ganze Palette des Berufslebens. Auch Rentner leben hier, arbeitslos ist niemand, soweit ich weiß. Nur Lehrer und Professoren finden sich hier meines Wissens nicht. Aber eine alleinerziehende Lehrerin wäre je nach Stundenpensum und Kinderzahl bestimmt auch für den WBS, wie der Wohnberechtigungsschein abgekürzt wird, qualifiziert.

sozialer wohnungsbau strasse

Man könnte nun denken, so eine Wohnanlage sei trist und die Bewohner frustriert. Aber das Gegenteil ist der Fall: alle, die ich kenne, die hier wohnen, schätzen sich sehr glücklich. Denn Wohnraum in Konstanz ist knapp und teuer. Und wir haben nicht nur günstigen, sondern auch schönen Wohnraum, mit Fußbodenheizung, Tiefgarage unter dem Haus, einem einladend gestalteten grünen Innenhof und tollen Wohnungsschnitten.

Das beste aber sind die Nachbarn und der Zusammenhalt. Wenn jemand Mehl oder Eier braucht, dann klingtelt er beim Nachbarn, das ist leider schon gar nicht mehr normal heutzutage, ich habe es in den 10 Wohnungen, die ich in den vergangenen 20 Jahren bewohnte, nie so zwanglos erlebt. Nachbarin Petra* hilft mir bei der Steuererklärung, denn das hat sie gelernt, und ich passe dafür manchmal auf ihr Kind auf, wenn sie länger arbeiten möchte oder ausgehen will. Der schwer erkankte Nachbar Markus* ruft mich an, wenn er in seiner Wohnung in eine missliche Lage geraten ist (z.B. nicht mehr vom Klo herunter kommt, weil seine Beine versagen. Dann hole ich Hilfe), und Nachbarin Judith* nimmt meinen Sohn mit zu ihren vielen Ausflügen in die freie Natur, gemeinsam mit ihren beiden Söhnen – davon haben alle etwas, denn mein Sohn kommt mal raus und ich darf zuhause bleiben. :)

sozialer wohnungbau balkon

Blick von meinem Balkon
Blick von meinem Balkon

Es ist schön hier. Ich habe noch nie besser gewohnt, auch wenn ich immer scheinbar besser, weil teurer oder in besserer Lage gewohnt habe. Keine Lage der Welt kann mit dieser Nachbarschaft mithalten, es scheint, dass je mehr die Leute um ihre Existenz kämpfen müssen, sie umso eher gewillt sind, anderen zu helfen. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten, das ist klar. Denn jeder hier hat genug um die Ohren. Aber mangelnde Hilfsbereitschaft habe ich hier noch nicht erlebt. Näher war ich in meinem ganzen Leben noch nicht an Bullerbü, nicht einmal in meiner Kindheit in einer behüteten Reihenhaussiedlung im Schwarzwald, wo man bei aller guter Nachbarschaft eher für sich blieb.

schaukel-neu-innenhofVor 2 ¾ Jahren bin ich hier eingezogen (Erstbezug! Was für ein Glücksfall!), und ich denke, dass ich die restlichen 12,5 Jahre, die diese Wohnungen mietpreisgebunden ist, hier bleiben werde.

Ich bin angekommen, so komisch das vielleicht klingt. Bullerbü war ein Sehnsuchtsort meiner Kindheit. Heute liegt es für mich nicht in Schweden, sondern in Konstanz-Petershausen.

P.S.: Alle Namen wurden verändert.

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13 Kommentare auf "Bullerbü im sozialen Wohnungsbau"

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berit
Gast

Hach! Schön :)

Sarah
Gast
Hallöchen, das klingt ja wirklich traumhaft und die Wohngegend sieht toll aus. Ich finde es toll, wenn Nachbarn sich so gut helfen. Immer mehr Menschen ziehen ihrem Job hinterher oder Leben von ihrer Familie getrennt. Da muss eine Ersatzfamilie her ;) Wir sind auch ganz allein hergezogen und ich bin froh, dass wir eine Nachbarschaft haben, in der man sich unterstützt. Ohne wäre ich hier sicher oft aufgeschmissen gewesen und so macht mich die Sehnsucht nach meiner Familie nicht ganz so traurig. Kennst du Mehrgenerationen-Häuser? Davon gibt es nicht so viele, aber da wohnen auch die verschiedensten Menschen unter einem… Read more »
Silke
Gast
Ich hab Dich schon des öfteren um Deine schicke Wohnanlage beneidet, wenn man sie hier zu sehen bekommen hat. Das, was man hier in der “sozialen Wohnraumförderung” bekommt, ist leider auch das, wonach es sich anhört, da muss hier noch sehr dran gearbeitet werden. Zwar liegt der Quadratmeter hier echt preismäßig günstig zwischen 4,50 und 5,50 €, aber die Häuser sind die letzten Absteigen. Ich hab meine Suche erstmal wieder auf Eis gelegt, denn das möchte ich meinen Kindern nicht antun. Und einen WBS würde ich zwar bekommen, aber die Wohnungen, die ich favorisiert habe, wären zu groß gewesen. Dafür… Read more »
Mareike
Gast

Ihr wohnt da aber auch ausgesprochen hübsch! Toll! Vielen Dank für deinen Artikel. Ich finde es so schade, dass Mehrfamilienhäuser und insbesondere Hochhäuser oft verschrien sind. Wie du so sagst, kann es da doch ein sehr harmonisches Miteinander geben. Gerade weil man sich auch mal ab und zu im Hausflur und nicht auf der Straße trifft. Ich habe selbst schon mehrfach das Glück gehabt, so ein Umfeld zu haben und bis da sehr dankbar drüber.

Rosalie
Gast
Das ist wirklich schön. Es geht ja nicht nur einfach um ein Dach überm Kopf, sondern um ein Zuhause, einen Ort, wohin die ganze Familie nach Hause kommen kann. Das ist nicht zu unterschätzen. Ich muss zugeben, wir haben auch eine wunderbare Wohnung, perfekt gelegen. Leider sind wir die einzige junge Familie unter 12 Parteien, nebenan gibt es noch eine Studie-WG – alle anderen Bewohner sind mind. 30 Jahre älter. Der Kontakt ist eher spärlich. Was ich hier in HD mit Verwunderung gehört habe: Viertel, die jetzt umgestaltet werden zu reinen Wohnvierteln, wie die Bahnstadt, werden total blödsinnig bebaut. Extrem… Read more »
Katarina
Gast

Wir wohnen nicht im “sozialen Wohnungsbau” sondern in einem “Hochhaus” in dem alle Wohnungen außer unserer Eigentumswohnungen sind und auch von den Besitzern bewohnt. Bei uns ist es nicht ganz so heimelig wie bei euch, aber was ich niedlich finde ist, dass es einen Klingelcode gibt. Wenn jemand aus dem Haus bei einem Nachbarn klingelt, dann tut er das immer 2 Mal. So weiß man das es ein Nachbar ist und das man unten den Summer gar nicht drücken muss. Solche Gesten finde ich schön.

Cousine Claudia
Gast
Hallo Christine, wir wohnen in einem Neubau, der vor sieben Jahren von einem Wohnprojekt mit dem Ziel der Eigennutzung errichtet wurde. Ich war die letzten Jahrzehnte ein bewusster Abstandhalter in den verschiedenen Mietshäusern (mein Umzugsschnitt war ähnlich wie Deiner). Hier im Wohnprojekt, das als Mehrgenerationenwohnen angelegt war, ist das ganz anders. Viele sind Ü70, aber können sich noch sehr gut allein versorgen. Und ja, es passt gern mal jemand aufs Kind auf, wenn es auch keinen direkten Tauschhandel gibt (aufpassen gegen einkaufen). Ich denke, das funktioniert alles, solange nicht nur die Nähe sondern auch die Distanz stimmt. Wir fühlen uns… Read more »
maike
Gast

DAs hört sich sehr schön an und es sieht auch super aus muss ich sagen! da wo wir wohnen sind solche Wohnungen eher runtergekommen und nicht wirklich einladend,… da traut man sich kaum den Müll weg zubringen. Ich denke es kommt immer drauf an wo man da wohnt und wie genau auch die Gemeinde/Stadt da auch aufpasst.
Auf jedenfalls hätte ich auch nichts dagegen bei euch einzuziehen!! und die gemeinschaft ist ja echt super!!

Franziska Marie
Gast
Hey, geht mir ganz genauso, nur ohne wbs, da hier in Berlin die Mieten in meiner “schlechten” Gegend noch bezahlbar sind. Und da ich allen Außenstehenden bestätige , dass es ganz furchtbar ist, bleibt das vielleicht auch noch ein bisschen so. Nur schade, dass man deine Artikel nicht mit LinkedIn verschicken. Das wuerde so manchem dink, mit denen ich arbeiten muss, zeigen, dass es durchaus Leute gibt, die nicht 2-3 mal pro Jahr in Urlaub fahren koennen und dass es nicht unnormal ist, trotz voller Berufstätigkeit am Ende des Geldes noch ziemlich viel Monat uebrig zu haben. Schließlich wird ein… Read more »
Bi
Gast
Ich wohne ebenfalls in Bullerbü, hier sind aber nicht alle Wohnungen WBS-Wohnungen. Meine aber schon. Und ich habe traumhafte Nachbarn: Ich kann mal, warum auch immer, nicht mit dem Hund raus, dann geht eine meiner Nachbarinnen, das ist fast nie ein Problem. Mir geht es nicht so gut, dann geht meine Tochter eben zur Nachbarin, die mir dann später auch noch was zu essen vorbeibringt. Bei schönem Wetter wird im Hof zusammen gebruncht, gegrillt, Planschbecken aufgestellt, etc. Ich möchte eigentlich gerne außerhalb von Berlin wohnen, die Stadt ist mir inzwischen zu laut. Aber solche Nachbarn finde ich nie wieder, also… Read more »
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